ORTSTERMIN : Viel Biedermann, wenig Brandstifter

von

Als die Ersten ihre Augen schon geschlossen haben, sagt Thilo Sarrazin den ehrlichsten Satz dieses Vormittags: „Wirkliche Wahrheiten sind niemals neu.“ 200 Journalisten sind an diesem Dienstag ins Hotel Adlon gekommen, Sarrazin stellt hier sein neues Buch „Europa braucht den Euro nicht“ vor. Er versucht darin zu belegen, dass der Euro Deutschland so gut wie nichts gebracht, aber viel zu viel gekostet habe. Griechenland sei ein hoffnungsloser Fall, wer sich nicht aus eigener Kraft retten könne, müsse aus dem Euro aussteigen.

Sarrazins Zuhörer aber warten an diesem Tag auf ein paar Schlagzeilen in Leuchtbuchstaben, darauf, dass er ihnen etwas Unverschämtes liefert, vielleicht über faule Südeuropäer oder den Holocaust. Dass er sich warmredet, getrieben von seiner Lust am vermeintlichen Tabubruch. Aber dann sitzt in diesem kühlen Saal mit schweren Teppichböden und mächtigen Kronleuchtern nur ein grauer, mittelgroßer Mann, grauer Anzug, blaue Krawatte, und sagt Sätze wie: „Das Schicksal Europas ist nicht an die Existenz einer gemeinsamen Währung gebunden“.

Mit seinem Vorgängerbuch „Deutschland schafft sich ab“ hatte der 67-Jährige geschickt ins Wespennest der Ressentiments gegen Migranten gegriffen, er hat damit bis heute geschätzt vier Millionen Euro verdient. Für sein neues Buch kehrte der Ex-Finanzsenator Berlins und Ex-Bundesbanker zu seinem Fachgebiet zurück. Sarrazin hat schon mal ein Buch über den Euro geschrieben, 1996 war das, es hieß „Der Euro: Chance oder Abenteuer?“ und verkaufte sich mittelmäßig. Heute versteht Sarrazin mehr vom Geschäft: Ein Vorabdruck im „Focus“, Streitgespräche zur besten Sendezeit bei Günther Jauch. Der Lohn: 250 000 Vorbestellungen, die Startauflage von 350 000 Exemplaren dürfte sich mühelos verkaufen. Pro Exemplar verdient Sarrazin geschätzt 2,29 Euro – sein neues Buch dürfte ihm die nächste Million bescheren.

An diesem langen Vormittag doziert Thilo Sarrazin auf seinem Podest fast eine Stunde lang aus seinem Buch. Nach einer Viertelstunde nicken bereits die Ersten ein. Vor dem Hotel Adlon demonstriert eine Handvoll Menschen gegen Rassismus. Der Ökonom Stefan Homberg neben Sarrazin ereifert sich, die Medien seien voll mit „Jammerbeiträgen“ über Griechenland. Deutschlands Schuldenpolitik sei unverantwortlich. Und Thilo Sarrazin sagt, mit Verträgen sei es wie mit Blumen und jungen Mädchen. „Alles hat seine Zeit.“

Es bliebe nur der europäischer Zentralstaat, der aber sei die nächsten 50 Jahre nicht realistisch. „Wenn alle Vertragspartner Deutsche oder Österreicher gewesen wären, hätte Maastricht wahrscheinlich funktioniert“. Das ist ein Problem. „Die Schweden sind keine Holländer“, wusste schon Franz Beckenbauer.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar