Ortstermin : Viel gesünder

Sie wirkte fast ein wenig beleidigt, dass sie wirklich gehen soll. Rainer Woratschka über den Auszug Ulla Schmidts und eine 20-Jahre-Bilanz.

Rainer Woratschka

Es klang wie große Abschlussbilanz. Einen Tag vor ihrer Entlassung lud Ulla Schmidt noch mal ins Ministerium, um einen 300-Seiten-Bericht zu präsentieren. Thema: die deutsche „Gesundheitsgeschichte“ in den 20 Jahren seit dem Mauerfall. Eine Erfolgsstory. Die Frauen im Osten werden inzwischen genauso alt wie im Westen, die etwas schwerfälligeren Männer haben zumindest aufgeholt. Die scheidende Ministerin berichtet, wie sich alles zum Guten gefügt hat, in und mit den neuen Ländern – dank eines kraftvoll- solidarischen Systems, eines gesamtdeutschen Risikostrukturausgleichs – und einer Politikerin, die den Entsolidarisierungsbestrebungen aus Union und FDP keine Handbreit nachgegeben hat.

Da sitzt sie nun, die tapfere Kämpferin gegen Privatisierer und machtvolle Lobbyisten, in schwarzer Bluse und weißem Wolljackett – und wirkt fast ein wenig beleidigt, dass sie wirklich gehen soll. Von ihrer „Herzensangelegenheit“ lassen, wie sie es beschreibt. Und alles in die Hände einer Koalition legen, die ganz woanders hin will. In die „soziale Kälte“ nämlich, wie Ulla Schmidt zu wissen glaubt. Regionalisierung, Kopfpauschale, Zweiklassenmedizin. Das mit dem Sozialausgleich seien doch nur „hohle Worte“, sagt sie. Man mache die Versicherten zu Bittstellern und schließe sie, schleichend, von immer mehr Leistungen aus.

Es werde sich rächen, wenn man ein Drittel der Kinder mit weit geringeren Gesundheitschancen aufwachsen lasse, prophezeit die keineswegs amtsmüde Ressortchefin. Sie selber hätte, wie sie gesteht, gern noch mehr getan. Mehr investiert etwa in Prävention. Vor allem aber trauert sie einem nach: dass sie keinen „Risikoausgleich“ hinbekommen hat zwischen gesetzlich und privat Versicherten.

Einen klitzekleinen Schönheitsfehler hat Schmidts gesamtdeutsches Vermächtnis. Sie ist zwar die dienstälteste Gesundheitsministerin Europas und schon eine gefühlte Ewigkeit im Amt. Aber zwei Dekaden sind es denn doch nicht. Womit sie sich nach ihren achteinhalb Ministeriumsjahren nun als einfache Abgeordnete zu beschäftigen gedenkt? „Mal sehen“, sagt sie. Bildungspolitik böte sich an, aber da ist ihr der Bund zu einflusslos. So ist bislang nur eines gewiss: „Nationale Gesundheitspolitik mache ich keine mehr.“

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