ORTSTERMIN : Vier Minuten für Hasankeyf

Julia Wäschenbach

Ganze vier Minuten dauert sein Auftritt – und verfehlt seine Wirkung nicht. Mit Hundeblick und flammenden Worten predigt Popstar Tarkan von der natürlichen Schönheit des anatolischen Ortes Hasankeyf, der nach den Plänen der türkischen Regierung durch den Bau des mächtigen Ilisu-Staudamms überflutet werden soll. Flammende Reden wie seine gibt es am Donnerstagabend beim Gipfeltreffen der Staudamm-Gegner im „Auditorium Friedrichstraße“ viele. Von der Not der rund 70 000 Menschen, die durch den Bau des Staudamms ihr Zuhause verlieren und umgesiedelt werden sollen, ist die Rede. Von jahrtausendalten Kulturschätzen, die verloren gehen. Und von den Nachbarländern Irak und Syrien, die auf das Wasser aus dem Tigris angewiesen sind, und denen die Türkei bald vielleicht den Hahn abdrehen kann, wie sie will.

Deutschland könne das verhindern, sagen die Leiter der „Stop Ilisu“-Kampagne. Doch langsam wird es eng: Anfang Juli müssen sich die Bundesrepublik, Österreich und die Schweiz endgültig entscheiden, ob sie das ehrgeizige Projekt mit Exportkrediten möglich machen wollen. An über 150 Auflagen zu Naturschutz und Menschenrechten ist ihre Zusage gebunden. Bisher hat die Türkei die wenigsten erfüllt.

Mit Landschaftsaufnahmen und emotionalen Appellen wollten die Naturschutzorganisation Doga Dernegi und die Kämpfer der „Stop Ilisu“-Kampagne die Zuhörer an diesem Abend in Berlin für ihre Sache gewinnen. Drei Stunden lang arbeiten sie daran. Tarkan braucht vier Minuten. Er muss nicht einmal singen, er überzeugt durch seine pure Anwesenheit – vor allem die vielen jungen Türkinnen im Publikum.

Als erfolgreichster türkischer Popstar der vergangenen Jahrzehnte ist Tarkan, der bis zu seinem 13. Lebensjahr in Deutschland zu Hause war, ein Glücksfall für die Kampagne. Seine Popularität, gepaart mit dem Mut anzuecken, verleiht ihr Gewicht. „Sie fragen sich vielleicht, was ein Popstar hier heute will“, sagt der 36-Jährige. „Aber ich bin nicht als Popstar da, sondern als Mensch, der die Natur liebt, und als Türke, der seine Heimat liebt.“ Dann verspricht er, bis an sein Lebensende für Hasankeyf zu kämpfen, schreibt ein paar Autogramme und verschwindet. Stars wie Bob Geldof und Bono haben vorgemacht, wie man mit Popularität die Massen für einen guten Zweck einspannt. Tarkan macht es ihnen nach. Eine Petition gegen den Staudamm hat er als einer der Ersten unterschrieben. Als Nächstes will er erreichen, dass Hasankeyf Unesco-Weltkulturerbe wird.

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