Ortstermin : Vom Versagen der Märkte

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Achim Steiner hat ein robustes Gemüt. Anders könnte er im System der Vereinten Nationen auch gar nicht überleben. Und schon gar nicht in der zweiten Amtszeit an der Spitze des UN-Umweltprogramms, das, wie er am Montag in Berlin ausführte, über einen Etat in der Größe der Stadt Garmisch-Partenkirchen verfügt. Dabei hatte ihn Ottmar Edenhofer, Professor für Klimaökonomie an der Technischen Universität Berlin, bei der dritten Climate Lecture an der TU als „Weltumweltminister“ vorgestellt.

Thema sollte die Allmacht und Ohnmacht der Klimawissenschaft sein. Doch Steiner erweiterte das Thema um die politische und die wirtschaftliche Dimension. Der Klimaforschung sei es zu verdanken, dass der Druck, das Wirtschaftssystem grundlegend zu überdenken, dramatisch gewachsen sei. Er sei sich sicher, dass es „in den kommenden zehn bis 20 Jahren eine Neuausrichtung der Weltwirtschaft geben wird“. Zwar sei der Verhandlungsprozess zur Stabilisierung des Weltklimas in Kopenhagen 2009 gescheitert, „doch die Welt ist dadurch nicht gelähmt worden“, meinte Steiner. Er verwies auf eine Vielzahl von Beispielen, wie überall auf der Welt in den Umbau des Energiesystems hin zu Erneuerbaren Energien investiert werde. TU-Präsident Jörg Steinbach war ob dieser positiven Einschätzung so beglückt, dass er offenbar überhört hat, dass Steiners Analyse der Gegenwart geradezu vernichtend ausgefallen ist.

Als „Sinnbild“ der heutigen Wirtschaftsweise verwies Steiner auf das Schmelzen des Eises in der Arktis, das von den meisten Firmen und Staaten als Einladung verstanden werde, „jetzt erst recht nach Öl zu suchen“, um die Atmosphäre mit dessen Verbrennung weiter anzuheizen. Wie sehr der Markt versagt, beschrieb der Unep-Chef am Beispiel eines Blauflossenthunfischs. Ein einzelnes Exemplar ist auf dem Weltmarkt 250 000 Dollar wert. Dieser falsche Marktanreiz werde dazu führen, „dass auch noch der letzte Thunfisch gefunden wird“. Noch gebe es eine Chance, „die Vernunft zu nutzen“, um die notwendigen Veränderungen in Gang zu setzen. Aber nicht mehr lange.

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