ORTSTERMIN : Von Mut und Demut

Am Abend nach der Amtsübergabe sprach Bayerns Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein in einer Kirche. Sein Thema: Macht und Ohnmacht.

Mirko Weber[Augsburg]

Günther Beckstein hat am Montagnachmittag die Schlüssel zur Staatskanzlei übergeben. Er wohnt jetzt nicht mehr dienstlich am Münchner Hofgarten. Dann ist er ins Auto gestiegen und hat sich nach Augsburg fahren lassen. Die Autobahn wird seit Monaten umgebaut. Man kommt nicht schneller voran als mit höchstens 80 Stundenkilometern, aber vielleicht ist das im Moment ganz gut so für Beckstein, der sich während des vergangenen Jahres fast überschlagen hat in seinem Amt als Ministerpräsident, um nur ja nichts falsch zu machen.

Die letzten vier Wochen nach der Wahl saß Beckstein dann gewissermaßen zwischen allen Stühlen und war der erste Mann im Land nur noch auf dem Papier. Am Wochenende wohnte er mit oft ausdruckslosem Gesicht dem Parteitag bei, ein versteinerter Gast. Am Montagmittag war er noch einmal im Parlament, als Horst Seehofer vereidigt wird. Am Abend hätte er frei gehabt. Allerdings hatte er bereits vor einiger Zeit zugesagt, in der protestantischen Augsburger Stadtkirche einen Vortrag über „Macht und Ohnmacht in der Politik“ zu halten. Beckstein wollte eigentlich absagen. Doch die Pfarrerin hatte klargestellt, dass sie ihn nicht als Ministerpräsidenten, sondern als Protestanten und Synodalen reden hören wollten. Also hat Beckstein wieder zugesagt. Er weiß, was Pflicht bedeutet, Respekt ist für ihn nicht nur ein Wort.

Und eine Kirche ist gerade vielleicht nicht der schlechteste Aufenthaltsort. Als er St. Anna betritt, geht sein Blick zur Decke hoch. Das Gebäude, mit Menschen voll bis unters Dach, steht voller Gerüste. Fast wäre den Augsburgern hier das Dach auf den Kopf gefallen. Aber ein Gotteshaus, in dessen Mauern schon Martin Luther war, das gibt nicht einfach klein bei. Ohne Verabredung erheben sich alle von ihren Plätzen, und da Protestanten ja eher nicht zum Pathos neigen, ist das schon ein besonderer Moment.

Der Gast, sagt die Stadtdekanin Susanne Kasch, habe als Ministerpräsident Ehre eingelegt für die evangelisch Gläubigen. Seine Kirche und Beckstein waren nicht immer ein Herz und eine Seele, und es mag diesbezüglich reichen, an den Togoer Solonah Saguintaah zu erinnern, den die Adventgemeinde Wunsiedel 1996 aufnahm, obwohl sein Asylantrag vom Bundesamt abgelehnt worden war. Beckstein war damals bayerischer Innenminister. Die Polizei nahm Saguintaah fest und brachte ihn zum Flughafen. Der damalige Landesbischof geriet mit Beckstein deshalb schwer über Kreuz. Zwei Jahre später warben die Grünen mit einem Plakat, darauf stand: „Beckstein würde auch Jesus abschieben.“ Das ist lange her, aber Beckstein hat zwei Sätze nicht vergessen, die er auch in den damaligen Auseinandersetzungen gebraucht hat. Zum einen sei er lieber ein „Hardliner als ein Weichei“, zum anderen stehe Gott über allem und allen: über seiner Frau und natürlich auch über Bayerns Ministerpräsidenten.

Man hat Beckstein die Enttäuschung darüber angesehen, dass er das Amt, für dessen Ausübung er noch einmal gewählt worden war, nicht mehr würde ausüben können. Jetzt hört man, wie er sich über die Enttäuschung hinweghilft. Er muss – und tut das in Augsburg – nur seine eigene Regierungserklärung von 2007 zitieren. Die wurde allgemein als eher schwach empfunden, und doch stand damals alles das drin, was Beckstein wichtig war: Ein demokratisches Amt gibt es nur auf Zeit, auszuüben sei es mit Mut und Demut, und verpflichtet sei er, letzten Endes, nur dem Allerheiligsten. Dabei, sagt Beckstein jetzt, sei es geblieben.

Es klingt nicht bitter. Es klingt vergleichsweise entspannt. Beckstein ist nicht gekommen, um zu erzählen, wie Edmund Stoiber ihn erst nicht ins Amt lassen wollte, und dann, als Beckstein sein Nachfolger war, wieder maßgeblich daran beteiligt war, ihn wieder von diesem Posten zu entfernen. Wahrscheinlich wird Beckstein dazu überhaupt niemals groß Stellung nehmen, und deswegen ist das Kapitel Ohnmacht in Augsburg am Montag auch eher klein geschrieben. Ausführlicher wird er beim Thema Macht – schon weil das Wort unter Protestanten nicht sehr positiv besetzt ist. Man müsse Macht als Mittel zum Zweck sehen und gebrauchen, sagt Beckstein. Alles andere sei, grob gesagt, Gesinnungsethik. Ihm aber komme es auf Verantwortungsethik an.

Als das Vaterunser gebetet und das letzte Lied in Augsburg gesungen ist, lädt die Dekanin alle zu einem Empfang ein. Draußen fängt es an zu nieseln, und der Landtagsabgeordnete Beckstein bleibt noch ein bisschen. Er scheint hier am ehesten daheim.

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