ORTSTERMIN : Weiß-blau blüht die Fantasie

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Foto: Harald Bischoff/Wikipedia
Foto: Harald Bischoff/WikipediaFoto: dpa

Mit einem bayerischen „Vergelt’s Gott“ bedankt sich CSU-Chef Horst Seehofer am Ende bei den beiden Haudegen, die mit einer ebenso reizvoll wie skurril anmutenden Veranstaltungsreihe durch den Freistaat gezogen sind. Zuletzt waren sie am Samstagabend in Ingolstadt: „Bayern zuerst – Reden über das eigene Land.“ Die Hauptrollen besetzen der zeitweilige CSU-Rechtsausleger Peter Gauweiler sowie Wilfried Scharnagl, ehemals Chefredakteur des Parteiblatts „Bayernkurier“ sowie Wegbegleiter und glühender Verehrer von Franz Josef Strauß.

Die Alten ziehen in den Wahlkampf und hauen auf den Putz. „Bayern hat ein besonderes Selbstbewusstsein“, sagt Scharnagl, ein knorriger 74-Jähriger. Und: „Wir verbitten uns jedes Dreinreden.“ Peter Gauweiler, 64 Jahre alt und eine gefühlte Ewigkeit in der Politik, stellt gar die These auf: „Die großartige Partei CSU hat unser Land so geprägt wie die Wittelsbacher in ihrer besten Zeit.“

Neunmal sind sie so als Duo im Freistaat aufgetreten – und zwar nicht im Bierzelt, sondern immer in gediegenem Ambiente wie etwa dem Foyer des Ingolstädter Stadttheaters. Sie haben das getan „für unsere Nummer eins, für Horst Seehofer“, wie Gauweiler sagt. Ihre Namen ziehen immer noch bei CSU-Nostalgikern, und sie hören sich auch selbst gerne reden.

Es sind Erzählungen aus einem vergangenen Land – wenn sie „Land“ sagen, meinen sie immer Bayern – und von einer vergangenen Partei, als die CSU noch mit allmächtiger Größe ausgestattet war. Scharnagl war in diesem Jahr aufgefallen durch sein Buch „Bayern kann es auch allein“, in dem er eine Trennung des Freistaates von der Bundesrepublik durchspielt, so irreal diese Fantasie auch sein mag. Der Bundestagsabgeordnete Gauweiler ist bekannt durch seine zahllosen EU- und Euro-kritischen Aktivitäten. Die Separatismus-Ideen halten sie bei den Veranstaltungen aber klein, denn der CSU gäbe dies ein viel zu abgedrehtes Image. Dennoch verkneift sich Scharnagl die Erläuterung nicht, dass Bayern als mögliches neunundzwanzigstes EU-Mitglied von der Bevölkerungszahl her immerhin auf Rang acht in Europa stünde. Seine Forderung: „Bayern muss in Europa mehr mitreden.“ Und der Freistaat dürfe nicht noch weiter „Souveränität verlieren“.

Gauweiler hingegen stellt die fragwürdige These auf, dass trotz zweier Weltkriege „die Substanz in Bayern nie gebrochen werden konnte“. Das Land sei immer „den eigenen Weg gegangen“. Und bayerische Außenpolitik bestünde nicht in Kriegseinsätzen, sondern in kulturellem Engagement, wenn etwa das bayerische Staatsorchester wie am Samstag in der Unruheregion Kaschmir ein Konzert gibt.

Bei Scharnagl ist das Alter und womöglich auch die sichere Rente der Grund dafür, dass er durchaus unverblümte Einschätzungen zur CSU-Entwicklung der vergangenen zehn Jahre abgibt. Das Wahlergebnis von 2003 mit der Zweidrittelmehrheit der Mandate sei falsch gedeutet worden, weil die CSU schon da real viele tausend Stimmen verloren hatte. Ein Fehler sei die „überstürzte Einführung“ des achtjährigen Gymnasiums durch Edmund Stoiber gewesen, die die ganze Schulpolitik „ins Wackeln“ gebracht habe.

Zu Stoiber insgesamt meint Scharnagl: „Wäre er ein bisschen langsamer gewesen, hätten ihn mehr Menschen verstanden.“ Die Verwerfungen um seinen unfreiwilligen Abgang schließlich hätten 2008 zum „Scherbenhaufen“ geführt, als die CSU die absolute Mehrheit verlor. Gauweiler sagt dazu: „Wir werden die schändliche Scharte vom letzten Mal wieder ausgleichen.“

So legen die beiden die Latte für Horst Seehofer ziemlich hoch. Der weiß, dass aus der Sicht der Oldies nur Franz Josef Strauß es am besten konnte. Und er erzählt, dass man erst am Vorabend dessen 98. Geburtstag gefeiert hatte. Über Gauweiler und Scharnagl meint er: „Wir haben mehrere solcher Kaliber in der Partei.“ Als Vorsitzender habe man es da „nicht immer einfach“.

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