Ortstermin : Wos anders

Bayerns SPD-Chef Franz Maget will Ministerpräsident von Bayern werden. Aber wäre das überhaupt möglich?

Robert Birnbaum

Berlin Auf der Wand im Rücken von Franz Maget vollzieht sich Absonderliches. Satyrn tanzen dort vor sonniger Alpenkulisse, eine gehörnte Silhouette blickt sinnend auf einen See hinab, und rechts hinten hält ein Harlekin zärtlich einen kleinen Drachen auf dem Arm. Die Wand gehört zur Weinstube in der bayerischen Landesvertretung in Berlin und soll wahrscheinlich zeigen, was einer im Voralpenland so alles zu sehen glaubt, wenn er zu viel Frankenwein gebechert hat. Vor Franz Maget stehen Wasserflaschen. Beschwingt ist er trotzdem, und Absonderliches gibt er auch von sich. Es klinge vielleicht für manchen vermessen, sagt der 54-Jährige, aber dass er im Herbst bayerischer Ministerpräsident zu werden hoffe, das sei ganz ernst gemeint.

Vor, sagen wir, zwei Jahren wäre ein Vorsitzender der bayerischen SPD-Landtagsfraktion nach so einem Satz höflich gebeten worden, in ein Röhrchen zu pusten. Man hätte ihm nicht mal mildernde Umstände dafür eingeräumt, dass er tags zuvor mit CSU-verdächtigen 98,4 Prozent zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl gewählt worden ist. Neuerdings aber klingt der Satz nur noch ein ganz kleines bisschen überdreht. Weiß man’s denn? Alles scheint möglich bei der Landtagswahl, also zum Beispiel, dass die SPD am 28. September nicht wieder unter 20 Prozent landet. „25 Prozent wären ein gutes Ergebnis“, sagt Maget, und wie er sieht, dass die halbdutzendstark erschienene Berliner Presse die Augenbrauen hochzieht, zuckt er die Achseln: 25 Prozent, ja – „das ist halt die bayerische Lebenswirklichkeit“.

Sie hat, diese Lebenswirklichkeit, für einen Sozialdemokraten im Freistaat sich seit Menschengedenken einfach dargestellt: Er hat sagen dürfen, dass er es nicht immer toll findet, wie die CSU regiert. Aber die Macht wankt. Die magischen 50 Prozent plus x wanken, selbst in der CSU halten sie zwischen 48 und 52 alles für möglich. Vielleicht schafft es die FDP? Oder die Freien Wähler? Oder, Gott behüte, die Linkspartei?

Maget lächelt, wie er die neuen Möglichkeiten auf dem Wählermarkt aufzählt. Prognosen – nein, Prognosen, wo die Stimmen landen, die die CSU vielleicht nicht mehr kriegt, gibt er keine. Der Bayer an sich sei Anarchist. „Die Leute sagn, i wähl jetzt mo wos anders. Und ,wos anders‘ kann alles sein“, sagt Maget. „Wenn der Bayer sagt, jetzt mog i die mal ärgern, wählt er auch Linkspartei.“ Wie er aus diesem Potpourri dann eine Mehrheit zusammenkriegen will? Ohne die Linke, sagt Maget: „Die andern sind an Bord.“ Wenn’s kommt, wie er hofft, werde die CSU implodieren. Den Parteichef Erwin Huber werde es als Ersten erwischen. „Der Seehofer wünscht sich das gleiche Ergebnis wie ich – ungefähr!“

Magets Lächeln in dem freundlichen, leicht geröteten Gesicht wirkt immer beschwingter. Und die Fabelwesen an der Wand erscheinen plötzlich so ausgedacht auch gar nicht mehr. Wenn Bayern ohne die Alleinherrschaft der CSU denkbar ist ... alles ist möglich.Wären da bloß nicht die anderen. Morgens im SPD-Vorstand hat Maget der Vizeparteivorsitzenden Andrea Nahles sagen müssen, dass es ihm nicht direkt nützt, wenn sie der SPD öffentlich das Zeugnis „ungenügend“ ausstellt. Auch das dauernde Kanzlerkandidatengerede – nicht hilfreich. Wo doch ein gutes Ergebnis in Bayern wichtig wäre für die Bundes-SPD, als Anschub und Ermutigung. „Mittlerweile“, sagt Maget, „sind wir die Stimmungsmacher in der sozialdemokratischen Familie.“ Das es so weit mal kommt, hätt man bis vor kurzem auch noch nicht für viel wahrscheinlicher gehalten als Zentauren am Chiemsee. 

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