ORTSTERMIN : Zuversicht als Markenzeichen

Roland Muschel
Aus dem Antiquariat. Nun kann Joachim Gauck noch besser philosophieren. Foto: dapd
Aus dem Antiquariat. Nun kann Joachim Gauck noch besser philosophieren. Foto: dapdFoto: dapd

Für den Gang ins Antiquariat hatte sich Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann vor wenigen Wochen eine spezielle Liste zusammengestellt. Sie umfasste zehn Bücher von Jeanne Hersch – philosophische Werke wie „Aktuelle Probleme der Freiheit“, aber auch den einzigen Roman der 2000 verstorbenen Schweizerin: „Erste Liebe“.

Nun blickt Kretschmann erst auf seine Gäste, den auf den Bundespräsidenten Joachim Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt, dann auf die aus eigener Tasche beglichene Buchsammlung. Kurz vor der Bundespräsidentenwahl, sagt der Grünen-Politiker in seinem Amtssitz, hätte er mit Gauck auch über ihre gemeinsame Vorliebe für die Philosophie geredet. Die Bücher seien ein persönliches Geschenk. Später, im Stuttgarter Landtag, erinnert Kretschmann noch an einen Satz der Philosophin Hersch: „Es gibt keine Freiheit ohne Verantwortung.“

Der Freiheitsbegriff also soll das Verbindende sein, die Überschrift für Gaucks Besuch im Südwesten. Doch es zeigt sich, dass er und Kretschmann persönlich zwar gut können, aber nicht auf völlig deckungsgleiche Rezepte bauen, um das Spannungsverhältnis zwischen Freiheit und Verantwortung aufzulösen.

Bei seiner Rede im Landtag, jenem Parlament, das sich unter grün-roter Regie und nach dem Volksentscheid über Stuttgart 21 die Stärkung der direkten Demokratie auf die Fahnen geschrieben hat, unterstreicht Gauck die bestehenden Möglichkeiten politischer Teilhabe. „Unsere repräsentative Demokratie ist ein Schatz. Sie darf nicht in die Defensive geraten in einer Gesellschaft, in der wir mehr Beteiligung ersehnen, aber die bestehenden Möglichkeiten der Beteiligung noch viel stärker nutzen könnten.“

Dagegen klingt das Lob des 72-Jährigen für die Bemühungen des Landes für mehr Bürgerbeteiligung samt Schaffung der Stelle einer „Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung“ („Das muss ich ablesen, so innovativ ist das“) eher wie eine pflichtschuldige Referenz an den Gastgeber – zumal Gauck betont, dass Partizipation in der Bundesrepublik „nicht nur ein abstraktes Sehnsuchtswort“ sei. „Sie ist politische Wirklichkeit. Sie ist täglich möglich.“ Doch mit politischen Zwischentönen mag sich an diesem Tag keiner befassen. Die Landespolitik ist stolz, dass der Präsident bei seiner Antrittstour durch die Bundesländer zuerst in Baden-Württemberg Station macht. Vergessen nun der Vorwurf der CDU, dass das von der Stuttgarter Regierungszentrale beeinflusste Präsidentenprogramm mit Besuchen bei einer Solarfirma, einer Gemeinschaftsschule und dem von Kretschmanns Parteifreund Boris Palmer regierten Tübingen zu grün geraten sei.

Gauck bedankt sich mit einer Lobeshymne auf den Südwesten: Früher, zu DDR-Zeiten, habe er Baden-Württemberg nur mit einer bestimmten Automarke in Zusammenhang gebracht. Heute wisse er, dass das Land mit seiner exzellenten Wirtschaft und seinem breiten bürgerschaftlichen Engagement eine „Gemeinschaft der Zuversicht“ sei. „Dieses Markenzeichen wünsche ich mir für ganz Deutschland.“

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