ORTSTERMIN : Zwei Milliarden für die Zukunft

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„Ist das nicht ein Risiko“, hat Reinhold Achatz nach zwei Stunden ehrlich interessiert gefragt – und blickte in bedrückte Forschergesichter. Achatz leitet die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Siemens-Konzerns und diskutierte am Dienstagmorgen in einer illustren Runde von Wissenschaftlern und Unternehmensvertretern mit Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) über ihr Rahmenprogramm für die Nachhaltigkeitsforschung bis 2015. Rund zwei Milliarden Euro hat Schavan für die Erforschung des Erdsystems, für internationale Klimaforschung, Energie- und Ressourceneffizienz sowie die „soziale Dimension“ dieser Zukunftsfragen vorgesehen.

„Das Unbeherrschbare vermeiden und das Unvermeidbare beherrschen“ hat Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung ihren Vortrag überschrieben. Und damit ist das Dilemma zutreffend beschrieben. Die Zukunft hat längst begonnen, und die Forschung forscht irgendwie hinterher. Ein Experiment, bei dem der Kohlendioxidgehalt der Erdatmosphäre im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung verdreifacht wird, „das kann man ja nicht machen“, sagte Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). Derzeit liegt der CO2-Gehalt in der Atmosphäre aber schon höher als in den vergangenen mindestens 600 000 Jahren. Das „Experiment“ ist also in vollem Gang. Karin Lochte hat jahrelang darum gekämpft, dass die Forschungsflotte ihres Instituts erneuert wird. Ein Schiff soll die Tiefsee erforschen, die zwar von den Fischflotten der Welt, vor allem Japans und Europas, längst leer gefischt wird, über die die Welt aber noch nahezu nichts weiß. Reinhard Hüttl, Chef des Geoforschungszentrums in Potsdam, sieht Deutschland auf dem Weg in die Wissensgesellschaft. Dennoch findet kein Dialog zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern über die Auswirkungen der vom Menschen verursachten Veränderungen am Erdsystem statt. Und das Land ist selbst dem Ziel, die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss zu halbieren, auch noch nicht weit gekommen.

Annette Schavan sieht dennoch ein Jahrzehnt der Forschung in Europa voraus. Und das soll auch die Antwort auf die Fragen sein, die die Politik beim Weltklimagipfel in Kopenhagen nicht hat lösen können. Schavan will mit ihrem Forschungsprogramm zumindest die deutschen Forscher mit denen in Schwellen- und Entwicklungsländern zusammenbringen, um gemeinsam nach Lösungen für die Probleme der Welt zu suchen. Für die Geisteswissenschaften sieht Schavan darin eine entscheidende Rolle. Rund 69 Millionen Euro sind allein für die gesellschaftliche Forschung vorgesehen. Am Beispiel der Nacktscanner beschrieb Schavan, was sie nicht mehr will: Dass Ethiker technische Entwicklungen im Nachhinein rechtfertigen sollen. Stattdessen müssten die gesellschaftlichen Fragen von Anfang an mit einbezogen werden, verlangt Schavan. Denn beim Klimaschutz gehe es ja nicht nur darum, weniger CO2 in die Atmosphäre zu blasen, sondern es gehe auch um den Menschen. Das sieht Hans-Joachim Schellnhuber nicht anders. Nur bisher „mussten wir uns die geisteswissenschaftliche Perspektive einkaufen“. Das Werben der Naturwissenschaftler um einen Dialog habe bisher wenig Erfolg gehabt, sagte er.

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