Politik : Osama Bin Laden: Der Hass des Gurus

Christian Böhme

Wer ist dieser Mann, der am Sonntag per Video Juden und Christen den "Heiligen Krieg" erklärte, der die gesamte westliche Welt bedroht und zumindest als geistiger Drahtzieher des Infernos vom 11. September in den USA gelten muss? Wir kennen zwar Osama bin Ladens Gesicht, seine Stimme, seine Kalaschnikow. Ansonsten wissen wir über den "Guru" des islamistischen Terrors herzlich wenig. Auch das soeben erschienene Büchlein der beiden renommierten Islamforscher und Antiterror-Experten Michael Pohly und Khalid Durán (Osama bin Laden und der internationale Terrorismus, Ullstein, 13,59 DM) kann da nur bedingt weiter helfen. Einige interessante Details sind zu erfahren - mehr aber nicht.

Über eines gibt es jedoch keinen Zweifel: Den Eiferer Osama bin Laden treibt ein tief sitzender Hass auf die westliche Welt und ein noch stärker ausgeprägter Anti-Amerikanismus an. Auch wenn er zu Zeiten des Kampfes gegen die Sowjetunion sich von Washington unterstützen ließ - auf Seiten der USA stand der Extremist mit dem messianischen Sendungsbewusstsein niemals.

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Umfrage: Befürchten Sie eine Eskalation der Gewalt? Andererseits war das 17. von 57. Kindern des Muhammad bin Laden keinesfalls von Anfang an ein glühender Anhänger des Islamismus. Zunächst sah es vielmehr nach einem Leben als saudischer Geschäftsmann aus. Doch dann traf der 1955 geborene Osama bin Laden den religiösen Fanatiker Scheich Abdullah Azzam. Nach der Invasion der Sowjetunion in Afghanistan 1979 predigte der Mitbegründer der Hamas den Dschihad und rekrutierte für diesen Krieg gegen die "Ungläubigen" junge Männer. Bin Laden wurde sein "Jünger". Der eine gab dem Kampf ein ideologisches Fundament, der andere finanzierte ihn.

Doch bin Laden blieb nicht nur ein Scheckbuch-Kämpfer. Seine unbestrittene Fähigkeit, eine größere Gefolgschaft eng an sich zu binden, beruht darauf, dass er selbst mit der Waffe in der Hand in den Krieg zog. Seitdem gilt der Top-Terrorist bei seinen Leuten als mutiger Befehlshaber, der zudem zur Selbstaufopferung bereit ist. Die Propaganda-Bilder, die uns im Westen erreichen, unterstreichen diese Eigenschaft: Da sitzt ein einfach gekleideter Mann am Boden, der mit Seinesgleichen aus einem Blechnapf isst.

Das ist die eine Seite des bin Laden. Die westliche Welt hat ihn aber auch als neuen Typus eines weltweit operierenden Terroristen kennen und fürchten gelernt. Er vereinigt Extremismus mit Geld, herrscht über ein Finanz- und Terrorimperium. Er ist, wie Rolf Tophoven im Vorwort zu Recht schreibt, die schreckliche Ausprägung eines modernen "global players", der es versteht, die Mechanismen des Informationszeitalters für seine Sache zu nutzen.

Würde es im Kampf gegen den internationalen Terrorismus etwas nützen, Osama bin Laden (wie auch immer) auszuschalten? Durchaus möglich. "Wird der Führer kaltgestellt, zerbrechen meist die Strukturen", schreiben Pohly und Durán. Und nicht jeder könne seinen Platz einnehmen. Denn dafür bräuchte ein potenzieller Nachfolger ein ähnlich großes Charisma, Geld und die persönliche Beziehungen eines bin Laden.

Beruhigen kann diese Aussicht nicht. "Wir sollten versuchen, in Amerika und Israel direkt vorzustoßen", hat bin Laden vor einiger Zeit seinen Gefolgsleuten auf den Weg gegeben. "Tut was in Euren Kräften steht und schlagt hart auf sie ein." Dass diese Aufforderung ernst gemeint war, weiß die Welt spätestens seit der Tragödie des 11. September. Und es gibt, so vermuten Pohly und Durán, allein in den USA noch Tausende "Schläfer", die auf einen Weckruf warten. Die Bedrohung bleibt, mit oder ohne bin Laden.

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