Politik : Osama bin Laden: Die Kriegskasse ist gut gefüllt

Torsten Hampel,Antje Sirleschtov

Pakistan hat den Vereinigten Staaten die volle Unterstützung im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt. Das sagte US-Außenminister Colin Powell gestern, und wenn es dabei bleibt, dann bedeutet es, dass die islamistische Regierung in Islamabad Osama bin Laden für den Terror in New York und Washington verantwortlich halten könnte. Bisher bezweifelte sie das. Die Argumente Pakistans: Bin Laden habe weder Telefon noch Faxgerät. Wie könnte er, fragten die Offiziellen, unter solchen Bedingungen einen so komplexen Luftangriff vorbereiten? Was sie verschwiegen: Der Mann, den amerikanische Geheimdienste als Drahtzieher des Infernos der vergangenen Woche sehen, verfügt über ein Finanzimperium.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Wie groß das Vermögen des ehemals saudischen Millionärs bin Laden wirklich ist, weiß so genau niemand. Zwischen 250 und 500 Millionen Dollar, schätzen Geheimdienste, hat bin Laden 1991 als Erbteil seines Vaters Muhammad Awad bin Laden aus Saudi-Arabien mitgenommen. Und obwohl ihn seine Familie damals verstoßen hat und das saudische Königshaus ihm sogar die Staatsbürgerschaft entzog, gibt es bis heute Gerüchte, dass seine 39 Brüder und 13 Schwestern Osama weiter finanziell unter die Arme greifen.

Bin Ladens Vater Mohammad stammt aus dem Jemen und kam als junger Bauunternehmer in den zwanziger Jahren nach Saudi-Arabien. Sehr schnell wurde er zum Hofbaumeister des dortigen Königshauses. Mit zunehmendem Reichtum des Landes durch das Öl wurde auch die "Saudi Binladin Group" zu einem Bauimperium, das an fast allen Großprojekten Saudi-Arabiens beteiligt war. Als Osama bin Mohammad bin Laden als einziger Sohn der zehnten Ehefrau von Mohammad 1957 geboren wurde, soll das Unternehmen seines Vaters schon Milliarden wert gewesen sein. Zwölf Jahre später kam Mohammad bei einem Flugzeugunglück ums Leben und 20 seiner Söhne übernahmen die Führung eines Imperiums, das fünf Milliarden Dollar wert war.

Osama, der einen Universitätsabschluss in Ökonomie und Management hat, soll das Erbe seiner Familie vor allem in Bauunternehmen, aber auch in Finanzanlagen auf der ganzen Welt verteilt haben. Aus welchen Quellen und über welche Mittelsmänner er daraus Renditen zieht, weiß bis heute niemand ganz genau. Immer wieder gibt es Meldungen von Schweizer Bankkonten, Beteiligungen an amerikanischen Bauunternehmen und Firmen in London und Beirut, die seine Geldströme so geschickt verteilen, dass niemand sie letztlich verfolgen kann.

Auch die Aussagen des bin-Laden-Vertrauten Jamal Ahmed Al-Fadl, einem Kronzeugen bei den Gerichtsverhandlungen nach den Bombenanschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania vor gut zwei Jahren, gaben nur vage Hinweise. Al-Fadl, der sich selbst als "Kassenwart" bin Ladens bezeichnete, gab damals zu Protokoll, dass die "Ladin International Group" wie eine Pyramide unter der Führung von Osama gegliedert sei. Bauunternehmen und Exportfirmen im Sudan sollen genauso dazu gehören, wie Finanzholdings, die in Asien, Amerika und Europa das Vermögen Osama bin Ladens mehren.

Im Afghanistan-Krieg ließ bin Laden mit den familieneigenen Baumaschinen in Pakistan Trainingslager für Kämpfer aus Saudi-Arabien und Nordafrika errichten. Im Verlauf des Krieges baute er auch in Afghanistan. Die Planierraupen der bin Ladens gruben Unterschlüpfe für die Mudschahedin in das afghanische Steingebirge, sie ebneten Nachschubwege und warfen Befestigungswälle auf.

Citha Maaß, Südasien-Expertin bei der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik, kennt solche Höhlen aus eigener Anschauung. Sie hat im Jahr 1997 einige der Felsenröhren der Mudschahedin, die es im ganzen Land geben soll und in denen bin Laden vermutet wird, in der Nähe der nordwest-afghanischen Stadt Herat gesehen. "Die Höhlen sind von außen kaum zu sehen", sagt sie.

"Man führte uns auf eine Ebene", sagt Maaß, "rechts von uns war ein großer Felsen." Sie und ihre Begleiter seien hoch gestiegen, auf halber Strecke habe es eine Ebene gegeben, "da war der Eingang, ganz schmal", sagt Maaß. Die in den Berg getrieben Stollen seien nicht ausgebaut, es gebe keinen Komfort und keine Technik in ihnen.

Angeblich zwei Suchaktionen des amerikanischen Geheimdienstes CIA nach der bin-Laden-Höhle sind schon gescheitert. Dass nach den Bombenangriffen auf die US-amerikanischen Botschaften in Nairobi und Daressalam 1998 dennoch ein möglicher Standort des Terroristen ausgemacht werden konnte und Dutzende Marschflugkörper das vermeintliche Hauptquartier bin Ladens nahe der ost-afghanischen Kleinstadt Dschalalabad angriffen wurde, lag daran, dass sein Satellitentelefon geortet werden konnte. Er benutzt es seitdem nicht mehr. Die Taliban, die bin Laden laut eigenem Bekunden einige "Betreuer" zur Seite stellten, damit er nicht mit der Außenwelt in Verbindung trete, haben es ihm weggenommen.

Bereits vor den Anschlägen auf die Botschaften soll die CIA in der pakistanischen Wüste die Entführung bin Ladens aus Afghanistan durchgespielt haben. Die Aktion sei abgebrochen worden.

Die Taliban behaupten, sie hätten bin Laden im Februar 1999 aus den Augen verloren. Einer ihrer Sprecher erklärte, er werde vermisst, ausgerechnet zwei Tage nach einem Treffen mit dem Taliban-Führer Mohammad Omar. Kurz darauf tauchte bin Laden in Dschalalabad wieder auf.

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