Osama bin Laden : Gesicht des Terrors

Osama bin Laden ist der meistgesuchte Mann der Welt. Wie mächtig ist der Al-Qaida-Chef noch und warum ist es bislang nicht gelungen, ihn zu fassen?

Ruth Ciesinger,Frank Jansen
Osama
Osama bin Laden. -Foto: AFP

Was ist über Osama bin Ladens derzeitigen Aufenthaltsort bekannt?



Auf den Pakistan-Karten der deutschen Sicherheitsbehörden gibt es eine Region, die mit vielen kleinen Farbpunkten gesprenkelt ist. Jeder von ihnen markiert einen Ort, an dem Osama bin Laden seit Ende 2001 vermutet wurde. Demnach hält sich der Al-Qaida-Chef irgendwo in den „tribal areas“ an der Grenze zu Afghanistan auf, vor allem in Nord- und Süd-Wasiristan. Aber auf den Landkarten finden sich auch Punkte in den afghanischen Nachbarprovinzen Nangarhar, Khost, und Paktika. Auf beiden Seiten der Grenze haben Stämme der Paschtunen das Kommando. Von ihnen wird bin Laden geschützt. Dennoch ist ein Aufenthalt in Afghanistan für bin Laden nicht ohne Gefahr – denn hier können die Amerikaner, anders als in Pakistan, zuschlagen, wie sie wollen. Die US-Geheimdienste und ihre Partner sind auch Hinweisen nachgegangen, Osama bin Laden halte sich in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi versteckt. Erhärten ließ sich der Verdacht nie, zumal sich bin Laden in der südpakistanischen Metropole längst nicht so sicher fühlen kann wie im Machtbereich der schwer bewaffneten Paschtunenstämme an der pakistanisch-afghanischen Grenze. Und die Spekulationen pakistanischer Medien von vor zwei Jahren, bin Laden werde in den Irak gehen, halten Sicherheitsexperten für absurd.

Geirrt haben sich auch Behörden und Medien, die bin Laden für tot erklärten. Da gab es die Geschichte, unter den Gefangenen in Guantanamo befänden sich auch Leibwächter des Al-Qaida-Chefs – das wurde als Indiz gewertet, er sei ums Leben gekommen. Ein anderes Todesszenario ging so: Bin Laden habe sich – aus Angst, gefasst zu werden – von seinen Anhängern töten lassen, um seinen Mythos am Leben zu halten. Auch Krankheiten wurden als Todesursache angeführt: Ein Nierenleiden oder zuletzt, Mitte 2006, Typhus. Das jüngste Video bin Ladens dürfte diese Theorien widerlegt haben.

Warum ist es nicht gelungen, ihn zu fassen?

Es sei „nach wie vor von höchstem Interesse, Osama bin Laden zu fassen“, hat US-Vizeaußenminister Richard Boucher erst vergangene Woche gesagt. Doch wer das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet kenne, wisse, dass dort niemand leicht zu finden sei, der das nicht wolle. Die Tausende von Quadratkilometern Hochgebirge mit seinen Höhlen und Tälern sind ein ideales Versteck. Noch bedeutender aber ist der Rolle, die Paschtunenstämme spielen. Sie sind ihrem Ehrenkodex, dem Paschtunwali, verpflichtet, in dem Gastfreundschaft und Schutz eine herausragende Bedeutung hat. Und beides gewähren sie bin Laden. Da nützt auch nicht, dass die USA auf die Ergreifung bin Ladens 25 Millionen Dollar ausloben.

Es gibt auch politische Gründe für den Misserfolg bei der Suche nach dem Al-Qaida-Anführer. Erstens: Die Paschtunenstämme lassen sich von keiner Zentralmacht kontrollieren und sind militärisch kaum zu besiegen. Zweitens: Das US-Militär darf, zumindest offiziell, nicht in Pakistan zuschlagen. Aktionen einer fremden und der Bevölkerung unbeliebten Macht würden Staatschef Musharraf in erhebliche Bedrängnis bringen. So agieren die Amerikaner nur punktuell und möglichst geheim in Pakistan. Das reicht aber nicht, um bin Laden zu fangen. Drittens: Der pakistanische Geheimdienst ISI wird von westlichen Sicherheitsexperten verdächtigt, ein doppeltes Spiel zu treiben. Der ISI hatte einst die Taliban aufgerüstet, da Pakistan seinen Einfluss auf das Nachbarland Afghanistan steigern wollte. Auch heute noch scheinen Teile des Geheimdienstes die Taliban zu unterstützen. Da die afghanischen Rebellen mit Al Qaida verbündet sind, profitiert vermutlich auch bin Laden von den Machenschaften im ISI.

Wie mächtig ist bin Laden noch?

Nach der Flucht aus Afghanistan Ende 2001 schien Osama bin Laden kaum noch in der Lage, Al Qaida zu kontrollieren. Allerdings waren schon zuvor für die operative Planung terroristischer Aktionen vor allem bin Ladens Stellvertreter, der Ägypter Aiman al Sawahiri und weitere Kader zuständig. Nach dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan setzte sich Sawahiri ebenfalls ins pakistanische Grenzgebiet ab. Der Ägypter und bin Laden halten sich vermutlich nie am selben Ort auf, damit bei einer Festnahme des einen der andere frei bleibt.

Sawahiri hat seit 2001 mit zahlreichen Propagandabotschaften, verbreitet meist im Internet, an Statur gewonnen. Weit mehr als bin Laden ist Sawahiri die Stimme Al Qaidas im psychologischen Krieg gegen den Westen. Da es Al Qaida gelungen ist, in der pakistanischen Grenzgregion einen „sicheren Hafen“ zu etablieren, scheint Sawahiri auch wieder in der Lage, die Planung größerer Attentate zumindest einzuleiten. Bin Ladens Rolle ist also eher die des Gurus, der in seinen Botschaften die Richtung des Heiligen Krieges vorgibt. Sawahiri agiert als eine Art Generalstabschef.

Was würde mit ihm geschehen, könnten Sicherheitskräfte ihn gefangen nehmen?

Würde der meistgesuchte Mann der Welt zum berühmtesten Gefangenen der Welt, wäre offenbar selbst der US-Geheimdienst CIA ratlos, wie er mit bin Laden umgehen sollte. Jedenfalls, sagt der Autor des Bestsellers „The Looming Tower – the Road to 9/11“, Lawrence Wright, habe ihn die CIA um eine Art Drehbuch für den Fall der Fälle gebeten. Er lehnte ab, erzählte aber kürzlich in der American Academy, wie eine Lösung aussehen könnte. Wright, der für sein Buch Jahre recherchiert und engste Anhänger des Terrorchefs befragt hat, findet, bin Laden sollte zuerst vor Gerichte in Tansania und Kenia gebracht werden. Dort soll er den Angehörigen der Opfer und den Überlebenden der Al-Qaida-Anschläge auf die US-Botschaften 1998 gegenüber gestellt werden (die meisten Opfer waren Afrikaner). Seinem letzten Richter sollte er dann nicht in den USA, sondern in Saudi Arabien gegenübertreten. Dort würde er nach der Scharia verurteilt, der einzigen Rechtsform, die bin Laden akzeptiere. In der Scharia können die Angehörigen der Opfer nach dem „Blutrecht“ gegen finanzielle Gutmachung auf die Vollstreckung des Todesurteils verzichten. Der Henker würde also, sagt Wright, die Angehörigen der 200 Araber, die bei den Anschlägen 2001 im WTC starben, fragen, ob sie bin Laden Gnade gewähren wollen. Zum Märtyrer könnte er so nicht mehr werden.

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