Oskar Lafontaine : Der kleine Volkstribun von der Saar

Am Sonntag wird die Linkspartei ihr bestes Ergebnis in Westdeutschland erzielen. Oskar Lafontaine beschwört die große Vergangenheit seiner Landesregierung, und sieht seine Zukunft in Berlin.

Hauke Friederichs[Saarbrücken]
Lafo
Oskar Lafontaine -Foto: dpa

Der Oskar sei ein Macher, der wird es packen am Sonntag, sagt der Mann in der Saarbrücker Imbiss-Bude. „Lafontaine macht, was er sagt“, sagt ein Taxi-Fahrer. „Mein Herz schlägt links.“ Die Verkäuferin in der Drogerie drückt ihre Neigung zur Linken weniger pathetisch aus: In der Krise sei nichts sicher, deswegen sei „Die Linke“ im Saarland eine Alternative – aber nur mit Oskar. „Der Oskar“, wie Lafontaine im Saarland schlicht genannt wird, kommt bei den einfachen Leuten an. Zu den Kundgebungen der Saar-Linken strömen viele Menschen, die genau wissen, was Lafontaine meint, wenn er von Altersarmut und fehlender Würde mit Hartz-IV spricht.

Seine letzte Rede im saarländischen Landtagswahlkampf hält er am Freitagabend auf dem Vorplatz des Staatstheaters. Hier in Saarbrücken, seiner alten Wirkungsstätte als Oberbürgermeister und Ministerpräsident, ist er immer noch ein Politstar. Mehrere Hundert seiner Anhänger haben sich versammelt, um ihren Spitzenkandidaten zu feiern.

Zwar fällt der Zustrom zur Abschlusskundgebung der Linkspartei geringer aus als bei den Volksparteien: 2300 Sozialdemokraten feierten Heiko Maas und 1200 Christdemokraten Peter Müller. Doch im kleinen Saarland sind die rund 500 Anhänger, die zum Beginn von Lafontaines Rede auf dem Tbilisser Platz stehen, nicht wenige.

„Oskar, Oskar“, ruft die Menge, als der frühere SPD-Vorsitzende die Bühne betritt. Unterstützt wird Lafontaine von Gregor Gysi, dem anderen prominenten Gesicht der Linken. Beide vereint eine gemeinsame Mission: Sie wollen die Partei, die hauptsächlich aus der PDS hervorgegangen ist, zu einer gesamtdeutschen formen. Und sie wollen am Sonntag in zwei Bundesländern an die Regierung kommen, um bundespolitisch ein Zeichen zu setzen. In Thüringen und im Saarland scheint es nicht unrealistisch zu sein, dass ein rot-rotes oder ein rot-rot-grünes Bündnis die regierenden CDU-Ministerpräsidenten aus dem Amt jagt.

In Westdeutschland wäre es die erste Regierungsbeteiligung für die Linke – und eine kleine politische Sensation. Denn bei der vergangenen Landtagswahl 2004 erreichte die damalige PDS nur etwas mehr als zwei Prozent der Stimmen. In diesem Jahr liegt die Linke bei allen Umfragen um 15 Prozent. „Wir holen mindestens 20 Prozent“, verspricht Lafontaine jedoch seinen jubelnden Anhängern.

Ein Fünftel aller Stimmen wäre ein gewaltiger Erfolg, davon kann die Linkspartei im Westen sonst nur träumen. In Hessen überwand sie im vergangenen Jahr die Fünf-Prozent-Hürde knapp, in Hamburg gelang ihr das ebenfalls. Doch nur im Saarland hat die Partei die Chance auf eine Regierungsbeteiligung.

In seiner Rede fordert Lafontaine seine Sympathisanten auf, ihn zum Ministerpräsidenten zu wählen. Denn nur er werde die soziale Ungleichheit beenden. Lafontaine trägt ein hellblaues Kurzarmhemd. Er gestikuliert energisch, setzt alle Mittel der Rhetorik ein, senkt die Stimme, schreit dann wieder, spricht seine Wähler direkt an. Das kann kein anderer Spitzenkandidat in dieser Perfektion. Lafontaine gibt immer noch den Volkstribun von der Saar.

Lafontaine stemmt beide Arme in Höhe, er lässt sich feiern und scheint dennoch selbst nicht zu glauben, dass er abermals das kleinste deutsche Flächenland regieren wird. Denn mit den angepeilten 20 Prozent der Stimmen kann der 65-Jährige nicht Ministerpräsident werden. Aus den Reihen der Linken ist zu hören, dass Lafontaine lieber Bundesvorsitzender seiner Partei und Fraktionsführer der Bundestagsfraktion in Berlin bleiben werde, als das Kabinett von Heiko Maas als Vize-Ministerpräsident zu unterstützen.

Der Spitzenkandidat der Linken sagt bereits, dass er unter Maas, dem ehemaligen Staatssekretär im Kabinett Lafontaine, niemals Minister sein könnte. Lafontaine geht es vor allem darum, seinen Getreuen den Weg in die Regierung zu ebnen. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Inhaltlich gleichen viele von Lafontaines Forderungen dem Wahlprogramm der Saar-SPD. Vor allem in der Bildungs- und in der Sozialpolitik sind die Schnittmengen groß. Lafontaine will die Studiengebühren abschaffen und das G8-System streichen, das die Gymnasiasten in acht Jahren zum Abitur bringt. „Das Turbo-Abitur muss weg. Man darf den Kindern ihre Kindheit nicht nehmen“, ruft Lafontaine. Die Menge jubelt.

Dann sagt Lafontaine, dass die Bildungschancen eines Kindes aus einer Hartz-IV-Familie nicht schlechter sein dürfen als die eines Kindes von einem Professor. Exakt der gleichen Satz gehört zum Repertoire von SPD-Spitzenmann Heiko Maas. Auch Lafontaines Geißelung der Leiharbeit und die Forderung von Mindestlöhnen kann die Saar-SPD unterschreiben. Lafontaine beschwört immer wieder die goldene Zeit herauf, als er noch Ministerpräsident war. „Die Saarländer wissen was ich geleistet habe in den Jahren, die zurückliegen“, ruft er seinen Anhängern zu. Die Menge klatscht, jubelt, grölt.

Während Lafontaine, Gysi und ihre Begleiter bei einem Italiener speisen, essen die Anhänger der Linken Bratwürste und trinken Bier an einem Stand vor der Bühne. Nur wenige von ihnen glauben, dass Lafontaine nach der Wahl in die Bundespolitik zurückkehren wird. Ein grauhaariger Mann sagt, dass der Oskar „das Saarland aus der Scheiße führen wird“, ein anderer schwört, dass der Oskar nicht wieder alles hinwerfen werde. Seine Begleiterin glaubt, dass der „Lafo“ seine politische Karriere im Saarland beenden werde, hier, wo sie begann. Beim Italiener stecken Gysi und Lafontaine die Köpfe zusammen. Lafontaine sieht nicht so aus, ob er in Saarbrücken aufs Altenteil möchte. (Zeit online)

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