Oskar Lafontaine : Der Zweideutige

Oskar Lafontaine wollte als Politiker immer Erster sein: im Saarland, im Bund, in der SPD, bei den Linken. Und das war er auch. Aber er ist zugleich stets ein Unsteter geblieben.

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Oskar Lafontaine. -Foto: ddp

Am Ende geht er, als ob nichts Besonderes vorgefallen wäre. Nach der Sitzung des Parteivorstandes der Linken hat Oskar Lafontaine am späten Sonnabendnachmittag noch Zeit für einen Kaffee, bevor er zum Flughafen muss, zurück ins Saarland. Er nimmt sich einen Stapel Autogrammkarten aus der Tasche und unterschreibt auf Vorrat. Der scheidende Vorsitzende bescheinigt sich selbst, noch gefragt zu sein.

Als Lafontaine im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin-Mitte zuvor seinen Rückzug aus dem Bundestag und vom Parteivorsitz verkündet, erinnert er daran, dass er auch wegen des Attentats von 1990 allen Grund habe, seine Krebserkrankung ernst zu nehmen. Er ziehe sich aus gesundheitlichen Gründen, ausschließlich deshalb, wie er betont, aus der Spitzenpolitik zurück. Es gab kein großes Händeschütteln zum Schluss. „Was wie ein Abschied ausgesehen hätte“, sagt der frühere PDS-Ehrenvorsitzende Hans Modrow, sei vermieden worden. Und doch war es natürlich einer. Für viele kam er überraschend, dabei hatte Lafontaine immer wieder Andeutungen gemacht, dabei auch das Attentat erwähnt, das ihn 1990 beinahe das Leben gekostet hat. Die Jahre danach hat er einmal als „starken inneren Kräfteverlust“ bezeichnet.

Ein Vierteljahrhundert hat Oskar Lafontaine politisch mitgestaltet. Schon 1987 ist er die Nummer eins im Kreise der Jüngeren; er gilt mit dem Segen von Willy Brandt als dessen künftiger Nachfolger. Unverständnis, als er sich verweigert. Nach dem Attentat und der verlorenen Bundestagswahl 1990 übernimmt er den ihm angetragenen SPD-Vorsitz wieder nicht und löst damit den zermürbenden „Enkel“-Streit um die Macht in der Partei aus. SPD-Vorsitzender wird er erst 1995, im November. Er stürzt in offener Feldschlacht Rudolf Scharping. Wer Lafontaines Rede in Mannheim erlebt hat, sieht, dass dieser Mann, der hochrot, kämpfend, begeisternd den Parteitag mitreißt, mit seinem starken Willen Berge versetzen kann.

„Nur wenn wir selbst von unserer Politik begeistert sind, können wir auch andere begeistern“, ist der Schlüsselsatz seiner Mannheimer Rede. Und er liebt die Formel von Hannah Arendt, dass Politik Bilder und Entwürfe zeigen muss, an die Menschen glauben können. Als Vorsitzender der Linken wird er zum letzten Vertreter der politischen Zunft, der die Kunst der leidenschaftlichen politischen Rede beherrscht, selbst wenn er vor Delegierten redet, die ihm fremd sind. Die PDSler aus dem Osten noch mehr als die Wessis von der Protestpartei WASG mit ihrer Neigung zu einer linkstraditionalistischen Rechthaberei, die er nie hatte.

Zum Rechthaben neigt er allerdings schon, und wenn er Berge versetzt hat, dann war der Preis oft hoch, für ihn selbst, für andere. Oskar Lafontaine ist mit den Siegen und Niederlagen der politischen Linken in der Bundesrepublik geradezu symbiotisch verbunden. Und sie mit ihm. Sein Abgang aus einem tatkräftigen politischen Leben mit scharfen Brüchen macht den Blick auf die Trümmerlandschaft der Parteien des linken Spektrums frei. Von den Mehrheiten „diesseits der Mitte“, die Willy Brandt 1985 beschworen hat, sind sie weit entfernt. Damals hatte der junge Ministerpräsident Lafontaine die Saar-Wahlen gerade triumphal gewonnen.

Der junge Mann wird in den 80er Jahren zur Hoffnung einer SPD, die sich am Krisenpragmatismus von Helmut Schmidt abgearbeitet hat, die Grünen neben sich wachsen sieht und die atomare Bedrohung fürchtet. Lafontaine ist der neue Typus: akademische Bildung, Physiker, hedonistischer Selbstverwirklicher, einer, der aufmischt, wo andere sich an Traditionen klammern. Die Nato stellt er infrage, den Sozialstaat will er reformieren, indem er das „neue Lied vom Teilen“anstimmt: Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich, skandalös für die Gewerkschafts-SPD. Öko-Steuer und Atomausstieg, anstößig für die Wachstumspartei.

Ein steiler Aufstieg in den 80er Jahren, den er als 52-Jähriger so beschreibt: „Ich bin das Kind einer Kriegerwitwe und habe sehr früh Karriere gemacht. Ich war schon mit Ende 20 Vorstandsmitglied einer kommunalen Gesellschaft, mit 32 Jahren Oberbürgermeister ... zehn Jahre Oberbürgermeister, zehn Jahre Ministerpräsident. Da muss ich niemandem mehr so furchtbar viel beweisen.“

Aber sich selbst, in jeder Phase seines Lebens. 1943 werden er und sein Zwillingsbruder Hans geboren, Oskar als Zweiter, manchen scheint es, als versuche er sein Leben lang, diesen zweiten Platz beim Eintritt ins Leben wettzumachen. 1945 fällt sein Vater. Es gibt viele Anekdoten über die brüderliche Konkurrenz des kämpferischen Oskar mit Hans, zum Beispiel die vom 400-Meter-Lauf, bei dem am Ende der kompakte Oskar seinen roten Kopf vorn, der schlaksige Hans aber sein langes Bein womöglich doch davor hatte, obwohl Oskar sich als Sieger sieht. Das begabte Kind kommt mit neun Jahren nach Prüm in die Eifel, ins bischöfliche Knabeninternat. Es gibt die Pflicht zum Gebet und strenge Notenvergabe, daneben aber herrscht Anarchie unter den Zöglingen. Unfug habe er sich geleistet, immer Anführer und Vorsänger, sagt Lafontaine. Früh übt er den „zum Reflex verfestigten Machtimpuls“, den ihm ein politischer Beobachter später bescheinigt.

Doch der Machtmensch, der Lafontaine in den Augen sämtlicher Wegbegleiter ist, wird von Anfang an auch von anderen Kontinuitäten begleitet, die politische Diskontinuität zum Merkmal seiner Laufbahn machen. Der Selbstverwirklicher mit der Liebe zu gutem Essen und Trinken ist für den Zeitgeist der 80er Jahre ein attraktiver Sozialdemokrat. „Toskanafraktion“, ein Solist mit Verantwortungsdefiziten, heißt es bald abschätzig, als nach dem Fall der Mauer die deutsche Einheit möglich wird. Dass er die Bundestagswahl verloren hat, weil er die Wahrheit über die Kosten der Einheit gesagt hat, ist eine der Legenden, die Lafontaine über sich gewebt hat. Tatsächlich verliert Lafontaine, der die Risiken der Globalisierung früh wittert, weil er der Dynamik des Jahres 1989 kühl gegenübersteht. Sein Desinteresse an den Sehnsüchten der Ostdeutschen kostet den sicher geglaubten Wahlsieg und führt zum Bruch mit seinem politischen Ziehvater Willy Brandt.

Der Verdacht, es könne ein Leben ohne Politik geben? „Dieser Verdacht hat mich immer beschäftigt“, sagt er wenige Monate, bevor er SPD-Vorsitzender wird. Lafontaine, der im Jahr 2010 wie der letzte Politiker großer Leidenschaften wirkt, sehnt sich immer auch nach mehr „vita contemplativa“. Er ist ein Vielleser. Als Bundesfinanzminister zeigt er einmal, sichtlich abgeneigt, Genossen die spartanische Schlafstelle, auf die Amtsvorgänger Theo Waigel im Ministerium nach nächtlichem Aktenstudium sein Haupt gebettet hat. Lafontaine tritt, wenn es irgend geht, selbst nach langen Arbeitstagen die mehrstündige Fahrt nach Hause an. Kein Zufall, dass er nach der größten Explosion, die er anrichtet, sich nach tagelangem Schweigen der Öffentlichkeit mit dem kleinen Sohn auf den Schultern zeigt. Das war 1999.

Am 11. März wird der damalige Regierungssprecher eilends ins Kanzleramt gerufen, wo er einen versteinerten Bundeskanzler antrifft. Gerhard Schröder sitzt vor einem dürren Schreiben, in dem Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine seinen Rücktritt mitteilt. SPD-Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering ist gerade in Weimar. „Das kann nicht sein“, sagt der überzeugt. Er hält den Rücktritt für eine Falschmeldung. Doch im Bonner Ollenhauer-Haus liegt es schriftlich vor: „Liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde, hiermit erkläre ich meinen Rücktritt vom Amt des Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ...“.

Die SPD ist schockiert, und seine nächsten Anhänger und Weggefährten sind es am meisten. Die Öffentlichkeit rätselt. Auch die nachgelieferte Erklärung macht nichts klarer: Es habe schlechtes Mannschaftsspiel gegeben, sein Schritt sei die Voraussetzung für eine neue Aufstellung gewesen. Salz in die Wunden der SPD ist der letzte Satz: „Das Herz wird noch nicht an der Börse gehandelt, aber es hat einen Standort – es schlägt links.“

Der Vollblutpolitiker zieht sich zurück, ins saarländische Heim, das Kritiker als Palast der sozialen Gerechtigkeit verspotten, mit seiner Frau Christa und Sohn Carl-Maurice, der ihm umso wichtiger wird, weil das Band zum erwachsenen Sohn Frederic aus der vorherigen Ehe schwächer wird. Verbindungen zu engsten Weggefährten reißen. Seine politischen Ziehkinder aus der SPD-Linken, die Verbindungen halten, verzeihen ihm den endgültigen Bruch nicht, als er 2005 zur PDS / WASG wechselt. Andrea Nahles wirft ihm Spaltung vor, Heiko Maas macht sich zum persönlichen Kampfziel, sich als Spitzenkandidat von der Oskar-Partei nicht schlagen zu lassen. Was ihm gelingt. Man landet 2009 gemeinsam in der Opposition. Denn die von Lafontaine im Wahlkampf heftig düpierten Grünen gehen in ein Regierungsbündnis mit CDU und FDP.

Es sei doch schön, dass er der SPD wieder eine neue Machtperspektive eröffnet habe, hat Lafontaine am Abend dieser Wahl noch gesagt. Sensationelle 21,3 Prozent für seine Linke, keine Mehrheit mehr für die alte CDU-Landesregierung. Eine von Oskars typischen Gemeinheiten, findet man in der SPD, die an schweren Niederlagen lernt, dass ohne die linke Konkurrenz Mehrheiten für die SPD nicht in Sicht sind. Und im Verantwortungsflüchtling Lafontaine unverändert das größte Hindernis dafür sieht.

Lafontaine hat starke Legenden von sich gezeichnet, an die Menschen glauben – und ebenso starke Gegenbilder herausgefordert. Dass er die SPD aus politischen Gründen verlassen hat, und nicht etwa, als ihm klar wurde, dass er zur Nummer zwei hinter dem Bundeskanzler verdammt war, glaubt bei den Roten und Grünen niemand, der damals mit ihm am Kabinettstisch gesessen hat. Niemand erinnert sich an Einwände Lafontaines gegen den Einsatz im Kosovo. Warum ist er nicht Bundesminister geblieben, um international an Regeln für die entgrenzten Märkte des „finanzmarktgetriebenen Kapitalismus“ mitzuarbeiten? Wer ihn kennt in der SPD, sieht im Linken-Vorsitzenden Lafontaine einen, der eine neue Bühne gesucht hat, um die SPD zu schwächen und seine politischen Positionen zum Instrument dafür macht.

Über den Rückzug vom SPD-Vorsitz kann man bis heute mit Lafontaine nicht reden. „Heute vertritt die Linke das Programm der SPD“, lautet in dieser oder ähnlichen Varianten seine Selbsterklärung. Tatsächlich hat die Linke kein Programm und bloß Legende ist es auch, dass Lafontaine der Schöpfer dieser Partei ist. Ihr Fundament ist und bleibt die PDS. Die Irritation zwischen Oskar und der Linken, die er 2010 als Vorsitzender hinterlässt, ist nicht geringer geworden als die vom Sommer 2005, als Lafontaine als Zugpferd für die Westausdehnung antritt. Im August 2005 tagt die nun in Linkspartei umbenannte PDS im Berliner Estrel-Hotel, inzwischen ist Lafontaine dort Mitglied.

Es wird der Tag der zelebrierten Versöhnung, der neue Star der Linken zollt dem vorletzten DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow in seiner Rede „gebührenden Respekt“. Er geht auf ihn zu, umarmt ihn, und legt für einen kurzen Moment den Kopf auf dessen linke Schulter. Manche sehen einen Bruderkuss. Und auch, wenn manche die Geste als unnötig erachten; es scheint, dass Lafontaine „die Seele der Partei“ umklammert habe.

Wenn er ihn wirklich geträumt hat, den Traum von der vereinigten Linken, dann muss der kühle Denker Lafontaine im Jahr 2009 gesehen haben, dass er sie jedenfalls nicht mehr erreichen kann. Keine rechnerische Mehrheit mehr für Rot-Rot-Grün bei der Bundestagswahl; kein Spielraum mehr, die SPD weiter vor sich herzutreiben. In der „Gemeinheit“ nach der Saarwahl steckt auch die Erkenntnis und Selbstaggression, die ihn 1999 aus den Ämtern getrieben hat. Da hat er wieder die Welt erobert – doch anführen kann er sie nicht.

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