• Ost-Beauftragte Iris Gleicke im Interview: "... sonst fliegt uns die Ostförderung um die Ohren"

"Den Mauerfall habe ich auf dem Sofa verschlafen"

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Ost-Beauftragte Iris Gleicke im Interview : "... sonst fliegt uns die Ostförderung um die Ohren"
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Jugendlicher im FDJ-Hemd
"Ein Verbot hieße auch, ein Stück Erinnerung an die DDR zu tilgen". Jugendlicher nach der Wende im FDJ-Hemd.Foto: dpa

Wie haben Sie den Mauerfall vor 25 Jahren erlebt?
Ich habe ihn auf meinem Sofa verschlafen. Die Pressekonferenz vom SED-Plenum mit Günter Schabowski lief im Hintergrund im Fernsehen, aber den historischen Satz zur Maueröffnung habe ich verpasst.

Waren Sie damals politisch aktiv?
Ich war damals in der evangelischen Kirche und im Neuen Forum. Es war eine aufregende Zeit, aber sie war auch geprägt von Angst: Kommt es bei den Montagsdemonstrationen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, fallen Schüsse? Ich erinnere mich an die bedrohliche Szenerie bei der ersten Montagsdemonstration in meiner thüringischen Heimatstadt Schleusingen, als hinter der Kirchenmauer die Hundertschaften von Sicherheitskräften standen.

Was war damals die Motivation für Ihr Engagement?
Ich bin Bauingenieurin, ich sah die Innenstädte verfallen, in Eisenach und anderen Städten. Ich wollte in die Kommunalpolitik, um das zu ändern, und bin dann auch nach der Kommunalwahl vom 6. Mai 1990 Stadträtin geworden. Überall war Aufbruch, es war eine wilde Zeit.

Und wann haben Sie das erste Mal „rübergemacht“?
Ende November 1989 bin ich zu meiner Patentante nach Karlsruhe gefahren. Mein Vater hat uns mit seinem Wartburg zum Grenzübergang gefahren, wo wir in einer kilometerlangen Schlange standen. In Karlsruhe war schon alles weihnachtlich geschmückt. Ich erinnere mich an ein Schaufenster, in dem die gleiche Weihnachtspyramide stand, die ich zwei Jahre zuvor als Weihnachtsgeschenk in den Westen geschickt hatte. Die war dort deutlich billiger zu haben als damals für mich zum Endverbraucherpreis in der DDR.

25 Jahre nach dem Mauerfall wird wieder das angemessene Erinnern diskutiert. Die einen heben das Repressionssystem hervor, die anderen wollen das normale Leben in der DDR gewürdigt wissen. Was ist Ihnen wichtig?
Wir haben als DDR-Bürger versucht, ein anständiges Leben zu führen – unter den Bedingungen, die wir hatten. Wenn ich ins Schwimmbad gegangen bin oder mich mit Freunden getroffen habe, dann habe ich doch nicht zuerst über Diktatur nachgedacht. Aber alle hatten auch immer im Hinterkopf: Wo könnte jemand zuhören, dem man vielleicht den politischen Witz besser nicht erzählen sollte? Deshalb ist es richtig, an die Repression zu erinnern. Aber junge Leute, wie mein Sohn, haben heutzutage damit nichts mehr zu tun. Und sie wollen sich nicht aus verstaubten Akten informieren. Wir müssen den Zusammenhang erläutern: Repressionsgeschichte und Alltagsgeschichte gehören zusammen.

Gibt es bisher eine Schieflage in der Aufarbeitung, weil die, die an Repression erinnern, die stärkere Lobby haben?
Manchmal steht das wohl tatsächlich zu sehr im Vordergrund. Natürlich muss denjenigen Gehör verschafft werden, die tatsächlich Repressalien ausgesetzt waren und im Leben benachteiligt worden sind. Das sind wir ihnen schuldig, dieser Teil der Geschichte muss aufgearbeitet werden. Aber es ist eben auch nur ein Teil. Wenn wir im Herbst den 25. Jahrestag des Mauerfalls und im nächsten Jahr den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung begehen, müssen wir an die dunklen und grauen Seiten der DDR erinnern. Aber wir sollten genauso hervorheben, was wir damals schön fanden und was wir seither erreicht haben.

Sind Sie für ein Verbot von DDR-Symbolen?
Es schreckt mich nicht, irgendwo ein DDR-Wappen zu sehen. Wir dürfen die DDR nicht mit Nazideutschland gleichsetzen. Wichtig ist zu wissen, warum es manchen gruselt, wenn er ein DDR-Wappen sieht. Aber ein Verbot hieße auch, ein Stück Erinnerung an die DDR zu tilgen. Ich bin in der DDR geboren und aufgewachsen, habe dort meine Ausbildung absolviert. Soll ich jetzt meine Ingenieursurkunde wegschmeißen, weil Hammer, Zirkel und Ährenkranz drauf sind?

Im Herbst wird ein neuer Landtag in Thüringen gewählt. Ist die Zeit reif für eine rot-rot-grüne Regierung?
Das entscheiden die Landesverbände. Ich bin ja auch stellvertretende SPD-Landesvorsitzende in Thüringen, und ich habe nie zu denen gehört, die gesagt haben: Spielt nicht mit den Schmuddelkindern. Die SPD braucht eine Alternative, sonst bleibt sie in der babylonischen Gefangenschaft der CDU. Die Linke muss ihr Verhältnis zu uns klären, aber wir auch das zur Linken.

Können Sie sich vorstellen, dass Thüringen im Herbst einen Ministerpräsidenten der Linken bekommt?
Wir kämpfen in erster Linie um die eigene Stärke. Aber es war gut, dass der SPD-Landesvorsitzende Christoph Matschie gesagt hat, wir stellen keinerlei Vorbedingungen.

Die Frage Rot-Rot stellte die SPD in Thüringen vor vergangenen Wahlen regelmäßig vor Zerreißproben. Was hat sich seither geändert?
Die nicht gerade berauschenden Wahlergebnisse haben dazu geführt, dass die Bündnisfrage bei uns ganz anders diskutiert wird.

Gilt das auch für den Bund?
Uns stehen vier Jahre große Koalition bevor. Und dann reden wir. Wir nutzen die Zeit.  

Iris Gleicke (49) aus Schleusingen bei Suhl ist seit 1990 Bundestagsabgeordnete der SPD. Seit Jahresanfang ist sie Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der neuen Bundesländer - und in diesem Amt angesiedelt im Wirtschaftsministerium von Vizekanzler Sigmar Gabriel. Das Gespräch führten Matthias Meisner und Matthias Schlegel.

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