Politik : Ost-Timor: Interview: "Wir müssen auf einen Knopf drücken können"

Am Donnerstag wählt Ost-Timor eine Verfassung

Sergio Vieira De Mello (53) ist UN-Verwalter Ost-Timors. Das Gebiet ist seit knapp zwei Jahren ein UN-Protektorat, im kommenden Jahr soll es unabhängig werden. Der gebürtige Brasilianer war zuvor für das UN-Flüchtlingshilfswerk in Bangladesch, Zypern und im Südsudan sowie als UN-Verwalter im Kosovo tätig.

Am Donnerstag wählt Ost-Timor eine Verfassungsgebende Versammlung. Wie wichtig ist die Wahl?

Enorm wichtig. Es ist die erste wirklich demokratische Wahl in Ost-Timor. Die neue Volksversammlung wird das Datum der Unabhängigkeitserklärung bestimmen und wahrscheinlich darüber hinaus als Legislative bestehen bleiben. Alle sind sich einig, dass das Land ein Präsidialsystem erhalten soll. Die Versammlung wird wohl entscheiden, dass der erste Präsident Anfang nächsten Jahres, also noch vor der Unabhängigkeit, direkt vom Volk gewählt wird. Er soll ein starkes Mandat haben. Das wird Anfang 2002 geschehen, kurz danach wird Ost-Timor unabhängig.

Wie bewerten Sie den Wahlkampf? Mitglieder der wohl stärksten Partei, Fretilin, sollen Wähler unter Druck setzen.

Vor ein paar Monaten glaubten Beobachter und Ost-Timoresen, dass die Wahl zu einem blutigem Kampf zwischen rivalisierenden Gruppen werden könnte. Manche baten mich, die Wahl zu verschieben, weil Ost-Timor noch nicht reif dafür sei. In einem Wahlkampf mit 16 Parteien hatten wir drei Schlägereien und ein paar Steinwürfe - das ist nichts. Das kommt in jedem demokratischen Land vor.

Ein deutsches Team hat eine Volkszählung durchgeführt, die Grundlage für die Wählerliste war. Nachdem 28 000 registrierte Wähler ihren Namen nicht auf der Liste finden konnten, hat die Wahlkommission die Regularien ändern müssen. Haben die Deutschen schlecht gearbeitet?

Das deutsche Team hat hervorragend gearbeitet. Wir sollten nicht vergessen, wie es hier aussah, als sie kamen. Es gab nichts mehr - keine Meldelisten, keine Geburtsurkunden. Sie mussten von vorne anfangen.

Die UN arbeiten seit knapp zwei Jahren in Ost-Timor. Was haben Sie erreicht?

Wir haben die Sicherheit wiederhergestellt. Auch der Wiederaufbau ist, trotz Verzögerungen, ein Erfolg. Aber am stolzesten können wir auf die Ost-Timoresen sein, die mit unserer Hilfe selbstständiger und politisch erwachsen geworden sind. Wegen ihrer von Gewalt geprägten Vergangenheit haben viele ihnen nicht zugetraut, die Übergangsphase konstruktiv mit uns zu gestalten. Das Gegenteil war der Fall. Weitere Erfolge sind die Ausbildung von Beamten sowie der Aufbau politischer Institutionen und einer funktionierenden Justiz.

Wo waren Sie nicht erfolgreich?

Ich wünschte, wir hätten die Straßen Ost-Timors reparieren und Schulen und Krankenhäuser schneller wiederaufbauen können. Auch im Agrarbereich bin ich nicht zufrieden. Ich könnte eine lange Liste nennen. Wir hätten besser arbeiten können, wenn wir gewusst hätten, wie. Aber die UN haben noch nie ein Land von Grund auf neu aufgebaut. Vom Kosovo konnten wir nicht lernen, weil beide Missionen parallel laufen.

Was lernen die UN von dem Einsatz?

Wir wissen jetzt, dass wir nach Krisen nicht Experten brauchen, die sich überall ein bisschen auskennen, sondern solche, die in einem kleinen Bereich sehr gut Bescheid wissen. Finanzhaushalt, Steuern, Strafverfolgung, Zoll und Einwanderung beispielsweise. Für das nächste Mal brauchen die UN eine Regelung mit den Mitgliedsstaaten: Die Experten müssen abrufbar bereitstehen. In einer Notlage müssen wir in New York einen Knopf drücken können, und die Fachleute müssen innerhalb von Tagen da sein. Und nicht erst nach Monaten.

Sie haben sich sehr um Versöhnung bemüht. Trotzdem müssen fast alle Moslems im Land, meist Indonesier, in einer Moschee leben, wo sie regelmäßig angegriffen werden. Ist Versöhnung unmöglich?

Das Problem ist numerisch klein, es gibt nur ein paar Hundert Moslems hier, aber es ist symbolisch sehr wichtig. Wir und die osttimoresische Führung wollen keinerlei Diskriminierung und Gewalt. Ich glaube, dass die Moslems in Zukunft hier ein normales Leben leben können. Aber es ist im Moment nicht einfach. In der Phase, in der es ums Überleben geht - und in dieser Phase sind die Osttimoresen noch - kann man nicht soviel Toleranz erwarten wie zu normalen Zeiten. Hier geht es um wenige intakte Wohnungen und Häuser, die mit einer Gemeinschaft geteilt werden sollen, die die Ost-Timoresen als Fremde ansieht. Wenn sich die Wohnsituation in Dili verbessert, dann wird das Problem einfacher zu lösen sein.

Bislang gibt es nur wenige Verfahren gegen die Gewalttäter von 1999. In Dili verfolgt eine bescheiden ausgestattete Justiz die Handlanger. Wird es Gerechtigkeit geben?

Ich hoffe es. Hier in Ost-Timor laufen immerhin Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie begannen spät, weil wir im Justizbereich bei Null angefangen haben. Auch in Indonesien müssen diejenigen, die hier Menschenrechtsverletzungen begangen haben, zur Rechenschaft gezogen werden. Dort gibt es noch keine einzige Anklage. Dass sich das ändert, ist auch im Interesse Jakartas. Es ist wichtig für den Erfolg der Reform- und Demokratisierungsbemühungen Indonesiens.

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