Politik : Ost-Timor: Schlange stehen für die Demokratie

M. Kleine-Brockhoff

Viele kommen schon im Morgengrauen. Das Wahllokal in der Schule von Farol, dem wohl schönsten Stadtteil Dilis, soll um sieben Uhr in der Frühe öffnen. Hunderte warten bereits vor dem Tor. Vor zwei Jahren war es genau so, die Ost-Timoresen konnten es kaum erwarten, ihre Stimme abzugeben. Damals und heute kommen mehr als 90 Prozent der Wahlberechtigten. Auf den Tag genau vor zwei Jahren entschieden sich knapp 80 Prozent von ihnen für die Unabhängigkeit von Indonesien.

Der große Nachbar hatte das kleine Ost-Timor ein Vierteljahrhundert lang besetzt, dann zerstörte er das Land und zog ab. Jetzt sind die Indonesier weg und die erste ost-timoresische Volksversammlung wird gewählt. Sechzehn Parteien sind angetreten. Um halb acht ist das Wahllokal immer noch zu, weil die Wahlhelfer nicht bereit sind. Aus der ordentlichen Schlange ist eine unruhige Menschentraube geworden. Junge Männer wollen das Tor aufdrücken, die UN-Polizei schickt Verstärkung. Zum ersten Mal sind auch bewaffnete ost-timoresische Beamte dabei. Mehr als 1000 Polizisten haben die UN ausgebildet, seit heute tragen einige Schusswaffen. Gebraucht werden sie nicht. Das geht Tor auf, harmlose Rangeleien bleiben die einzigen Zwischenfälle des Tages. "Es war eine beeindruckend friedliche Wahl", sagt Carlos Valenzuela, der Wahlleiter der UN. "Die Parteien und die Wähler haben bewiesen, dass sie zusammen in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen und die Probleme der Vergangenheit überwinden wollen." Eine absolut faire und freie Wahl sei es gewesen, sagte auch Wolfgang Kreissl-Dörfler, SPD-Europaabgeordneter und Chef der EU-Wahlbeobachter. Vor ein paar Monaten hatten selbst Optimisten vorausgesagt, dass die Wahl nicht ohne Gewalt vonstatten gehen könne.

Im Wahllokal in Farol schaut Sergio Vieira de Mello vorbei, der UN-Verwalter. "Es ist fantastisch", meint er. Diese Kombination von Enthusiasmus und Disziplin sei eine Demonstration, die Demokratisierung funktioniere. "Diejenigen, die Ost-Timor unterstützen, wissen jetzt, dass sich das lohnt." 8000 Soldaten und mehr als drei Milliarden Mark hat die Staatengemeinschaft bereitgestellt seit der Zerstörung vor zwei Jahren. "Das Geld ist gut angelegt", ist sich Wolfgang Kreissl-Dörfler sicher. Sicherheit, Verwaltung, politische Institutionen und eine bescheidene Justiz - die UN haben vieles geschaffen. Aber auch nach zwei Jahren gibt nur wenige Schulen und Krankenhäuser, Straßen und Stromversorgung sind außerhalb Dilis katastrophal.

Ost-Timor ist bettelarm, weitere Hilfe für den Wiederaufbau wird es wohl nur geben, wenn es ruhig und demokratisch bleibt. Die UN ziehen in ein paar Monaten ab, dann hängt vieles von den beiden starken Männern Ost-Timors ab. Der eine, Xanana Gusmao, hat seine Stimme am frühen Morgen abgegeben. Er sei stolz auf sein Land, sagte er knapp. Xanana führte früher die Unabhängigkeitskämpfer an, dann saß er im Gefängnis in Indonesien. Parlamentsabgeordneter wollte er nicht werden, er trat heute nicht an. Dass Xanana im kommenden Jahr Präsident wird, ist sicher. Alle Ost-Timoresen vergöttern ihn, vielleicht ernennt ihn die Volksversammlung, vielleicht beschließt sie eine Direktwahl. Xanana spricht seit zwei Jahren von Frieden und nationaler Einheit, Diplomaten in aller Welt sind beeindruckt von dem charismatischen Führer.

Der andere starke Mann ist international wenig bekannt. Er wartet in Mascarenas, im Süden Dilis, darauf, seine Stimme abzugeben. Mari Alkatiri muss zum letzten Mal stundenlang in der Hitze Schlange stehen. Bei der nächsten Wahl wird er als Ministerpräsident vorgefahren werden. "Ja, ich bleibe dabei, wir werden 80 Prozent der Stimmen bekommen", sagt er selbstbewusst.

Egal wen man fragt, die Antwort ist immer gleich: Natürlich habe ich die Fretelin gewählt, Mari Alkatiris Partei. Fretelin steht für den Widerstand, Xanana war früher ihr Präsident. Jetzt hat er sich distanziert. Die Partei leitet Alkatiri, der die indonesische Zeit im Exil in Mosambik verbrachte. Fretelin wird stark sein, aber UN-Verwalter de Mello will ein Kabinett ernennen, das nicht strikt das Wahlergebnis reflektiert. Es gehe um Kompetenz, nicht um Mathematik. Und bis zur Unabhängigkeit hat er das Sagen.

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