Politik : Ostdeutsche fühlen sich noch nicht als Bundesbürger

Robert von Rimscha

Auch zwölf Jahre nach dem Fall der Mauer leben viele Ostdeutsche in einem Identitäts-Niemandsland. Nur jeder vierte Bewohner der neuen Länder fühlt sich als Bundesbürger. 59 Prozent sehen sich dagegen weder "voll und ganz" als Bürger der Bundesrepublik, noch wollen sie die DDR wiederhaben, nach der sich neun Prozent zurücksehnen. Diese Zahlen präsentierten am Donnerstag in Berlin das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg und die Hans-Böckler-Stiftung.

Der Studie zufolge sind 56 Prozent der Ost-Bürger mit ihrem Leben zufrieden. 1990 waren es nur 33 Prozent. Als die klarsten Gewinne der Einheit werden das Warenangebot, Reisemöglichkeiten und persönliche Freiheiten genannt, als Verluste Solidarität, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit. Für sich selbst sehen 38 Prozent eher Gewinne, ein steigender Anteil von jetzt 20 Prozent eher Verluste.

"Nur vier Prozent sind in den neuen Bundesländern mit ihren Zukunftsaussichten sehr zufrieden", heißt es in der repräsentativen Erhebung. 29 Prozent seien zufrieden, 20 Prozent unzufrieden. Als einen wichtigen Grund dafür sehen die Sozialwissenschaftler "die Gerechtigkeitslücke Ost-West". So fühlten sich 75 Prozent der Frauen in der DDR gleichgestellt, während sich gegenwärtig 72 Prozent der Frauen in den neuen Bundesländern benachteiligt sehen.

Das Haushaltseinkommen ist in den neuen Bundesländern von 1714 Mark im Jahr 1991 auf nun 2914 Mark gestiegen. 40 Prozent leben in selbstgenutztem Wohneigentum; 1992 waren es nur 26 Prozent. Arbeitslosigkeit gilt als akutes Armutsrisiko. 58 Prozent aller Befragten sehen den Osten auf dem Weg, zum "Armenhaus Deutschlands" zu werden. Zwar sagen 42 Prozent, ihre eigene wirtschaftliche Lage sei "gut" oder "sehr gut", doch nur drei Prozent ordnen sich der "oberen Mittelschicht oder Oberschicht" zu. Dieser Wert ist nahezu konstant. In West-Deutschland halten sich 12 Prozent für der Führungsschicht zugehörig.

Die Institute wiesen ferner darauf hin, dass nur jeder zehnte Ostdeutsche mit seinem politischen Einfluss im Land zufrieden sei. Jeder Dritte ist lediglich teilweise zufrieden. Die Studie belege, dass "Ostidentität mehrheitlich weder eine die bundesrepublikanischen Verhältnisse akzeptierende noch eine auf Restauration der DDR gerichtete Bewertung einschließt", so die Autoren des Gutachtens.

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