Ostdeutsche vor der Rente : Generation der Verlierer

Nie zuvor gab es in Ostdeutschland so wenige Hartz-IV-Empfänger wie derzeit. Doch die Generation der 50- bis 64-Jährigen fühlt sich wirtschaftlich abgehängt.

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Arbeitslos, chancenlos. in Ostdeutschland haben viele ältere Menschen Sorge vor einem sozialen Abstieg.
Arbeitslos, chancenlos. in Ostdeutschland haben viele ältere Menschen Sorge vor einem sozialen Abstieg.Foto: dpa

In den ostdeutschen Flächenländern ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger auf ihren bisher niedrigsten Stand gesunken. Im September gab es dort nur noch rund 1,3 Millionen Hilfebezieher, teilte der Landkreistag am Dienstag mit. Das sei der niedrigste Wert, seit die Grundsicherung für Arbeitssuchende im Jahr 2003 neu geregelt wurde. Gleichzeitig ergab jedoch eine Studie des Wohlfahrtsverbandes Volkssolidarität, dass insbesondere ältere Ostdeutsche die Sorge vor sozialem Abstieg umtreibt.

84 Prozent der 50- bis 64-Jährigen fürchten demnach um ihr Alterseinkommen. 65 Prozent haben Angst, als Rentner vom Sozialamt abhängig zu werden. Jeder Zweite fühlt sich für Arbeitslosigkeit, Alter und Pflegebedürftigkeit sozial nicht genügend abgesichert. Und nur 39 Prozent der Befragten aus dieser Altersgruppe empfinden die Wiedervereinigung im Nachhinein betrachtet für sich selber als Gewinn. Das sind zehn Prozentpunkte weniger, als wenn man auch die jüngeren Ostdeutsche mit einbezieht.

Die Zahlen stammen aus dem „Sozialbericht 50 Plus“, der vom Sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum Berlin-Brandenburg (SFZ) auf der Basis von 1256 Befragten erstellt wurde. Der Autor der Studie, SFZ-Geschäftsführer Thomas Hanf, sprach von einer „Verlierergeneration“. Ausgerechnet unter denen, die im Alter zwischen 25 und 40 den größten Beitrag zu friedlicher Revolution und Wiedervereinigung geleistet hätten, gebe es nun überdurchschnittlich viele, deren Karrierehoffnungen sich nicht erfüllt hätten. Statt auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn stecke ein Drittel kurz vor der Rente in prekärer wirtschaftlicher Situation.

Nur neun Prozent fühlen sich als Aufsteiger

Während die unter 50-jährigen Ostdeutschen ihre eigene Lebenssituation in den vergangenen fünf Jahren zu 30 Prozent als sozialen Aufstieg und nur zu 18 Prozent als sozialen Abstieg wahrnahmen, sahen sich nur neun Prozent der 50- bis 64-Jährigen als Aufsteiger. Und befragt nach der Zufriedenheit mit ihrer jeweils eigenen wirtschaftlichen Lage, war diese Altersgruppe die mit Abstand unzufriedenste. 26 Prozent bezeichneten ihre derzeitige Situation als schlecht oder sehr schlecht. Bei allen über 18-Jährigen waren es nur 19 Prozent.

Dazu passt, dass von allen Grundwerten der Gesellschaft die soziale Sicherheit von den Ostdeutschen mit steigendem Alter als immer wichtiger eingeschätzt wird. Bei den 50- bis 64-Jährigen geben ihr 58 Prozent erste Priorität. Der Wert der Freiheit dagegen rangiert in dieser Altersgruppe für nur 37 Prozent ganz oben. Bei den Jüngeren ist das ganz anders.

Auch das Zugehörigkeitsgefühl zur Bundesrepublik ist in dieser Altersgruppe am geringsten ausgeprägt. Nur 19 Prozent der Älteren in Ostdeutschland gaben an, sich als „richtige Bundesbürger“ zu empfinden. Bei den unter 50-Jährigen waren es 42 Prozent. 64 Prozent der 50-bis 64-Jährigen sagten sie wollten weder die alte DDR wiederhaben noch fühlten sie sich im vereinten Deutschland „schon richtig wohl“. Und neun Prozent erklärten, am liebsten ihr altes System zurückhaben zu wollen.

Voll vom Sozialumbau erwischt

Der Präsident der Volkssolidarität, Gunnar Winkler, hat für die Unzufriedenheit und den Pessimismus der Älteren eine Erklärung parat. Es handle sich bei den heute 50- bis 64-Jährigen um die erste Generation, in welcher der bisher umfassendste Sozialumbau und Sozialabbau der Nachkriegsgeschichte in Deutschland „voll wirksam“ werde, sagte er. Bei ihnen kumulierten sich gewissermaßen die Folgen der Arbeitsmarktreformen mit denen der Rentenpolitik. So konnten der Studie zufolge aus dieser Altersgruppe nur 33 Prozent im angestammten Beruf bleiben, 54 Prozent mussten sich umorientieren. Dazu gehörten dann oft auch längere Phasen von Arbeitslosigkeit, die sich später stark rentenmindernd auswirken.

Winkler forderte die Politik auf, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten für Ältere zu schaffen. Gleichzeitig drängte er auf eine schnellere Angleichung von Löhnen und Rentenniveau. Im Verlauf der nächsten vier Jahre müsse das endlich realisiert werden, sagte der Verbandsfunktionär. Weitere Verzögerungen seien „nicht mehr hinnehmbar“.

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