Ostern und Judas : Auch Verrat gehört zu einer Demokratie

Judas hat Jesus an seine Gegner ausgeliefert. Doch ohne den Verrat an vermeintlich ewig gültigen Glaubenssätzen hätte es keine Aufklärung gegeben. Ein Essay.

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Ein Judas-Darsteller während einer Osterfeier in Ouerem in Portugal.
Ein Judas-Darsteller während einer Osterfeier in Ouerem in Portugal.Foto: dpa

Der Verräter steht weit oben in der Hierarchie der verwerflichen Menschen. Er liefert seine engsten Freunde ans Messer. Er geht über Leichen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Er ist käuflich und wechselt schamlos Überzeugungen und Loyalitäten.

Seit einigen Monaten hat der Vorwurf, ein Verräter zu sein, Konjunktur. AfD und Pegida verhöhnen Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik als „Volksverräterin“. Andere werfen ihr vor, durch den Deal mit der Türkei die europäischen Werte zu verraten. Für die SPD ist CSU-Chef Horst Seehofer der Verräter. Und in den Augen vieler Sparer begeht EZB-Chef Mario Draghi durch die Senkung des Leitzinses „Verrat“ an ihren Sparguthaben und ihrer Altersvorsorge.

Wenn sich politische Gegner im konsensverliebten Deutschland als Verräter beschimpfen, dann ist moralisch und ideologisch vieles ins Rutschen gekommen. Auf einmal scheint es nur noch Freunde oder Feinde zu geben, Flüchtlingsfreunde oder Flüchtlingshasser, Verräter oder Retter des Abendlandes.

Das negative Image des Verräters ist tief in der westlichen Kulturgeschichte verankert. Am Anfang stand Judas. Er war einer der zwölf Apostel, zog mit Jesus durchs Land, hörte seine Predigten, und saß mit ihm am Tisch. Weil er den Freunden besonders vertrauenswürdig vorkam, übertrugen sie ihm sogar die Hoheit über die Kasse. Ausgerechnet dieser Judas verrät Jesus an seine Gegner.

„Da ging einer von den Zwölfen, mit dem Namen Judas Iskariot, hin zu den Hohepriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn verriete“, heißt es im Matthäus-Evangelium.

Am Abend des Tages, den Christen heute Gründonnerstag nennen, ist es soweit: Jesus betet im Garten Gethsemane. Judas kommt mit einer Schar bewaffneter Hohepriester und tritt auf Jesus zu und küsst ihn. Der „Judaskuss“ ist das verabredete Zeichen, an dem die Häscher erkennen, welcher der Männer Jesus ist. Sie nehmen ihn fest und übergeben ihn an die Römer. Keine 24 Stunden später stirbt Jesus qualvoll am Kreuz. Als Judas sieht, was er getan hat, bereut er seine Tat und erhängt sich.

Die Christen wären eine jüdische Sekte geblieben

Judas’ Geschichte ist verstörend. Ausgerechnet einer der engsten Vertrauten verrät den Freund, als dieser ihn am nötigsten gehabt hätte. Er tut es auch noch für Geld. Für die Kirchenväter Origines, Augustinus und Thomas von Aquin verkörperte Judas das Böse schlechthin. Verräter wurden im Mittelalter gevierteilt. Der Dichter Dante siedelte sie in seiner „Göttlichen Komödie“ im untersten Höllenkreis an. Dort stecken sie eingefroren bis zum Kopf in einem See. Judas wird von Satan persönlich zermalmt. Papst Franziskus verglich am Gründonnerstag die Anschläge von Brüssel mit dem Verrat des Judas, der Jesus für 30 Geldstücke seinen Henkern ausgeliefert habe. Auch hinter dem Terror stünden Profiteure wie Waffenproduzenten und Waffenhändler, „die das Blut wollen und nicht den Frieden“.

Doch muss man Judas nicht loben? Ohne ihn und seinen Verrat würden Christen kein Osterfest feiern. Ohne Judas wäre Jesus nicht gekreuzigt worden. Seine Anhänger hätten aus seinem Tod nicht eines der größten Heilsversprechen aller Zeiten machen können. Jesus wäre weiter durchs Land gewandert und hätte gepredigt, er wäre alt und wunderlich geworden. Die Christen wären eine jüdische Sekte geblieben und längst vergessen. Judas ist das göttliche Werkzeug, damit sich der Heilsplan entfalten kann, damit Jesus gekreuzigt wird und aufersteht.

Ob es Judas und den Verrat tatsächlich gegeben hat, weiß man nicht. Die Autoren der Bibel kannten Jesus nicht mehr persönlich. Sie fingen eine Generation später an, aufzuschreiben, was sie über ihn hörten. Sie deuteten das Geschehen und wollten, dass die Nachwelt Jesus so kennenlernt, wie sie ihn sahen. Es ist sicher kein Zufall, dass sie den Verrat in die christliche Urszene eingeschrieben haben, dass sie Judas zum Motor des göttlichen Heilsgeschehens machten. Dennoch bleibt er eine zwiespältige Figur: „Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre“, sagt Jesus in den Evangelien über Judas.

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