Politik : Osteuropa bleibt zu Hause

Thomas Roser

Unermüdlich klingelt in diesen Tagen das Telefon von Filip Ilkowski, Aktivist der polnischen Bürgerinitiative „stop wojna - Stopp Krieg". Gemeinsam mit Polens Verband der Iraker und der Vereinigung der palästinensischen Studenten hat das Bündnis linker Jugendverbände zur Demonstration gegen den drohenden Irak-Krieg in Warschau aufgerufen. Wie viele Friedensbewegte am Samstag teilnehmen, vermag Ilkowski kaum einzuschätzen. „Aber ich bin sicher, dass es die größte Friedensdemonstration der letzten Jahre in Warschau werden wird: Ich rechne mit mindestens tausend Leuten."

Hunderttausende werden am Samstag aus Sorge vor einem drohenden Krieg von Lissabon bis Moskau durch Europas Städte ziehen. In den meisten postkommunistischen Staaten Mittel- und Osteuropas jedoch dürften sich wie in Polen die Demonstrationen als überschaubare Protesttreffen gestalten. Zwar spricht sich auch dort, wie in Westeuropa, eine Mehrheit gegen einen erneuten Waffengang in Nahost aus. Doch Aleksander Smolar zufolge, dem Präsidenten der Warschauer Bartory-Stiftung, sind die Emotionen nicht dieselben: „Das Gefühl der Ablehnung des Krieges ist hier einfach nicht so stark – und ist von einer grundsätzlichen Identifikation mit den USA unterlegt."

Für die Schwäche der Friedensbewegung in Europas Transformationsstaaten macht Smolar auch das postkommunistische „Erbe der früheren Zeiten" verantwortlich, das er als Gefühl der „Nichtverantwortlichkeit für die Welt" umschreibt: „Im Grunde genommen haben wir noch immer nicht das Gefühl überwunden, dass wir ohnehin machtlos sind.“

Dennoch wird am Samstag auch in Warschau demonstriert. Zum ersten Mal seit Jahren drücke die Gesellschaft ihre Missbilligung über die Außenpolitik der Nation auf „solch unmissverständliche Weise" aus, schreibt das Magazin „Polityka". Ilkowski ist denn auch optimistisch, dass Polens kleine Schar der Friedensbewegten an Einfluss gewinnen wird: „Dies ist erst der Anfang – und die Bewegung wird wachsen." Thomas Roser

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