Politik : Ostjuden in Amerika: Wie sich die Fremde anfühlt

Oliver Schmolke

Wie sieht ein Land aus in den Augen derer, die als Fremde kommen? Wie riecht es auf den Straßen, wie schmeckt das Essen, was zieht man an, um nicht aufzufallen, wie schaft man es, wo alles unvertraut und einschüchternd wirkt,ein neues Zuhause zu finden? Einwanderer sind flüchtige Menschen. Sie geben die Bodenhaftung der Heimat auf und verlassen den reichen Wortschatz der Muttersprache. "Unfertige Menschen" nennt Ruth Gay sie in ihrem Buch über "Ostjuden in Amerika". Es sind experimentelle Lebensläufe, in denen die Neuamerikaner, die ihr orthodox an 413 Gesetzen orientiertes Judentum hinter sich lassen, auf dem schwankenden Grund einer liberalen und multikulturellen Gesellschaft ihr Gleichgewicht zu halten versuchen.

Der Historikerin Ruth Gay, 1922 als Kind jüdischer Einwanderer aus Osteuropa in New York geboren, gelingt mit ihrem autobiografischen Essay ein kleines Wunder. Familie, Freunde, Nachbarn, ja die ganze Immigrantengemeinschaft der Bronx wird lebendig. Unscheinbare Gegenstände und Gewohnheiten sind der Ausgangspunkt für weit reichende Erkundungen über die sich wandelnde Existenz der Einwanderer. Religion verliert an Bedeutung. Arbeit und Einkommen treten in den Vordergrund. Ein erschütternder Vorgang voller Gewissensnot. Hingebungsvolle Ersatzhandlungen geben für eine Weile Halt: Der Hausputz vor den hohen Feiertagen, koschere Kochrezepte, der dunkle Anzug zum festlichen Abendessen. Doch schon taucht der Sohn erstmals im T-Shirt beim weihevollen Seder auf.

Die Autorin führt in dichter Beschreibung vor Augen, was Einwanderungsplaner heute verharmlosend als "Integration" bezeichnen. Sie macht deutlich, wie beängstigend es sich anfühlt, wenn den Menschen ihre kulturelle Identität verloren geht. Wer aus dem russischen Dorf fortging nach New York, war nicht mehr wiederzuerkennen. In der alten Heimat, wo man noch barfuß über Lehmböden lief, wurden die Abreisenden vor den Anfechtungen schrankenloser Freiheit gewarnt: "Das erste, was Männer in Amerika tun, ist, dass sie ihre Bärte abrasieren, während die Frauen als erstes ihre Perücken weglassen. Und du, die du jetzt keinen Faden am Schabbat abreißt, wirst in Amerika Schweinefleisch essen." Der plötzliche Wohlstand entstellt den Menschen. Die Tochter, die das erste Mal amerikanischen Boden betritt und in der Menge ihre vorausgereisten Eltern sucht, erschrickt: "Mein Vater kann niemals unter diesen wundervoll angezogenen Leuten sein."

Doch Gay erzählt eine Erfolgsgeschichte. Die jüdischen Einwanderer kamen, um zu bleiben, und die USA nahmen sie auf, damit sie amerikanische Bürger würden. Eine Rückkehr in das Osteuropa antijüdischer Pogrome - das russische Wort für rassistische Verfolgung - war undenkbar. Die von russischen, ukrainischen, baltischen oder polnischen Bauern begangenen Massaker rissen alle Brücken ab. Somit wurden aus Traditionen Erinnerungen, die dem neu angenommenen Alltag, der leichter geworden und nicht mehr existenzbedrohlich war, eine Art seelische Schwerkraft verliehen. Die Trauer um die alte Heimat reichte umso tiefer, als in ihr das Gedenken an die ermordeten "Landslajt" aufgehoben war. Doch im Geschäft, bei der Arbeit, im Studium war man zum Erfolg verdammt, um sich im neuen Land eine Bleibe zu errichten, die unanfechtbar ist.

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