Politik : Otto Graf Lambsdorff - Ein Mann für schwere Fälle

Tissy Bruns

Otto Graf Lambsdorff (72) ist der deutsche Regierungsbeamte. Der FDP-Ehrenvorsitzende gilt als Schlüsselfigur für das Zustandekommenm des Kompromisses.

Es gibt unangenehme Dinge, die aber im Interesse des Landes erledigt werden müssen. So antwortet der 72-jährige Kanzlerbeauftragte im August 1999 auf die Frage, warum er die Aufgabe übernommen hat, für die Bundesrepublik die Verhandlungen über die Zwangsarbeiter-Entschädigung zu führen. Im Herbst 1996, die Stimmung in der FDP ist ganz unten, steht er vor einer Delegierten-Versammlung seiner Partei und sagt: "Einer der dümmsten Sprüche lautet: Es gibt keine Alternative. Es gibt immer eine Alternative." Als die FDP 1994 in Gera kurz davor steht, ihren Vorsitzenden Klaus Kinkel auf offener Parteitags-Bühne zu meucheln, tritt der ehemalige Vorsitzende Lambsdorff auf und erinnert den Nachfolger an die eigenen Tiefpunkte in seiner Politikerlaufbahn: "Erst wird man fast zerrissen und ein Jahr später dann Friede, Freude, Eierkuchen und Ehrenvorsitzender. So gehts in dieser Partei."

Streitbare Lust am Tätigsein

Otto Graf Lambsdorff gibt in diesen drei Sätzen Auskunft über sich selbst: Ein lakonisches Bekenntnis zur staatsbürgerlichen Pflicht, die streitbare Lust am Tätigsein, und eine Festigkeit, die unabhängig ist von äußerer Zustimmung. Vor allem die letzte Eigenschaft hat Lambsdorff zum Unterhändler prädestiniert. Und eine Überzeugung: Dass die Menschenrechte einen zentralen Rang haben, gehört zu den Grundsätzen des profilierten und umstrittenen Wirtschaftsliberalen. Denn das hat er auch als Motiv genannt für seine heikle Aufgabe: "Es geht dabei um die Heilung von verletzten Menschenrechten. Dem fühle ich mich persönlich verbunden."

Otto Graf Lambsdorff hat bei der letzten Bundestagswahl nicht wieder kandidiert. Er wird vermisst, bei Freund und bei den weit zahlreicheren Gegnern. Er hat Qualitäten, die ihn zum Feindbild geeignet machen - aber das sind die gleichen, die auch Achtung abringen.

Lambsdorff ist der Verfasser des berühmten Papiers, das 1982 die Wende der FDP zur Koalition mit der CDU eingeleitet hat, wenn man so will: der führende Verräter. Als Wirtschaftsminister unter Helmut Schmidt rief er den Deutschen zu: "Mehr arbeiten, weniger krankfeiern." Das war 1980 ganz und gar unerhört. Der schwer Kriegsbeschädigte wurde in linken Gewerkschaftskreisen damals gern als "Graf Silberkrücke" geschmäht. Es hat ihn offensichtlich nicht beeindruckt. Unvergessen ist seine Unerschütterlichkeit zur Zeit des Flick-Prozesses, der für Lambsdorff mit einer rechtskräftigen Verurteilung endete.

Vermisst wird er deshalb, weil er sich mit seiner Klarheit und Präzision so sehr abhebt von den Politikern, die mit vielen Worten ihre Positionen unkenntlich machen. Lambsdorff sagt in wenigen Worten, was er denkt. Ein nüchterner Kopf, und gerade deswegen ein witziger Redner und Politiker - der Typus hat Seltenheitswert. So einer weiß schon vorher, dass sein Auftrag nicht mit einem Ergebnis enden konnte, mit dem alle zufrieden sein werden. Und packt die Sache trotzdem an.

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