Politik : Out of Montana

Markus Feldenkirchen

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Auch hier bei uns Hinter den Linden breitet sich dieser Tage Hilflosigkeit aus beim Blick auf die Welt. Da schreiben wir täglich über Kanzlerreformen, über Stoiber und Merkel, die sich nicht mehr lieb haben, und fühlen uns manchmal ganz wichtig dabei, so eng am Nabel der selbst geschaffenen Welt. Spätestens seit dieser Woche aber lässt die Chronik eines angekündigten Krieges all das, was uns immer so wichtig schien, nichtig wirken. Hilflos schauen wir jetzt auf Bagdad, wissend, dass wir in Berlin den Krieg und die Toten nicht verhindern werden.

In diesen traurigen Tagen erreicht uns eine E-Mail aus dem Krisengebiet. Nicht aus Bagdad, Irak, sondern aus Billings, Hauptstadt von Montana, USA. Ein Freund von der „Billings Gazette“, der dort im Wilden Westen über das Landleben berichtet, hat uns einen Hilferuf geschrieben. „Die Menschen hier sind verrückt geworden“, klagt unser amerikanischer Kollege. „Die meisten freuen sich auf den Krieg, weil dann das Fernsehprogramm endlich spannender wird.“ Er berichtet von einer Anti-Kriegs-Demonstration in Billings, an der knapp 50 Leute teilgenommen haben. Leider hat sie niemand wahrgenommen, weil zur gleichen Zeit 250 Bürger für Bush und den Krieg durch das Städtchen liefen. Er schreibt von kritischen Fragen, die in den amerikanischen Medien schon längst nicht mehr gestellt würden, weshalb die wenigen Interessierten die Antworten nun in britischen Blättern suchen. Er schreibt von „French Fries“, die inzwischen „Freedom Fries“ heißen, und erinnert daran, dass die in Amerika so beliebten „Frankfurter“ während des Zweiten Weltkriegs für immer zu „Hot Dogs“ mutierten. „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll, um diese Situation zu ändern“, schreibt unser Freund. Neulich hat er einen Irish-Pub in Billings besucht. Es gab einen Limerick-Wettbewerb an diesem Abend. Unser Freund ging auf die Bühne und rezitierte ein Anti-Kriegs-Gedicht. Er wurde gnadenlos ausgebuht. Jetzt wissen wir, dass es in unserer hilflosen Hauptstadt doch noch etwas angenehmer ist, als anderswo in der Welt.

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