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Ozeane : Welche Zukunft haben die Meere?

10.02.2013 00:00 Uhrvon und
Makrelen in Verteidigungsposition. So verwirrt der Schwarm Räuber - aber das rettet sie nicht alle. Die Chancen zum Überleben für das einzelne Individuum steigen aber.Bild vergrößern
Makrelen in Verteidigungsposition. So verwirrt der Schwarm Räuber - aber das rettet sie nicht alle. Die Chancen zum Überleben für das einzelne Individuum steigen aber. - Foto: Swann / SPL / Ag.Focus

Kleine Inselstaaten haben im Klimawandel zwar schlechte Überlebenschancen – aber Zugriff auf Bodenschätze der Tiefsee. Die Hoffnung auf den Reichtum vom Meeresgrund löst allerdings auch Konflikte aus. Die Meere stehen unter vielfältigem Druck. Große Probleme sind die Überfischung und der Müll im Meer.

Zu warm, zu hoch, zu sauer. So hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltvorsorge (WBGU) vor fast sieben Jahren den Zustand der Meere zusammengefasst. Wenn er in diesem Jahr ein weiteres Meeresgutachten vorlegen wird, gilt diese Beschreibung immer noch – mit drei Ergänzungen: zu leer gefischt, zu sauerstoffarm und zu ressourcenreich. Die Ozeane der Welt mit all ihren Bodenschätzen sind ein „Erbe der Menschheit“. Das haben die Vereinten Nationen schon 1970 beschlossen. Aber jeder will etwas davon abhaben. Die Fischereiflotten Chinas, Japans, Perus, Chiles oder der Europäischen Union fischen nicht nur die Küstengewässer ab, sondern setzen ihre Schleppnetze oder Langleinen längst auch in der Tiefsee ein, außerhalb der 200-Meilen-Zonen, auf die Küstenländer Zugriff haben.

Dazu kommt die Ölförderung in immer tieferen Meeresgebieten vor den Küsten vor allem des Atlantiks, im Golf von Mexiko, wo die Tiefseeförderung schon in den 50er Jahren begann, vor Brasilien in Tiefen bis zu 4000 Metern, oder vor Angola, wo das „schwarze Gold“ aus 3000 Metern Tiefe gefördert wird. Der Klimawandel lässt die Meeresspiegel weltweit steigen, das Kohlendioxid versauert das Wasser mit dem Ergebnis, dass beispielsweise Korallenriffe nicht mehr wachsen oder sogar absterben. Damit nicht genug, werden die Meere als Fördergebiete für Tiefseeminen immer interessanter. Und in Küstennähe werden immer mehr Offshore-Windparks gebaut. Die Bemühungen um die Schaffung von Meeresschutzgebieten bilden dazu nur ein schwaches Gegengewicht.

Der Run auf die Tiefsee
1873, ein Jahr nach dem Beginn einer vierjährigen Expedition des britischen Forschungsschiffes H.M.S. Challenger, hat die Besatzung des Schiffes in etwa 1500 Metern Tiefe Manganknollen entdeckt. Die kartoffelförmigen mineralhaltigen Steine enthalten neben dem Mangan auch Eisen, Kupfer sowie verschiedene Hightech-Metalle, sogenannte Seltene Erden. Als in den 1960er Jahren der Bedarf vor allem nach Kupfer zunahm und die Rohstoffpreise stiegen, rückten die Manganknollen erstmals ins Blickfeld der Bergbaufirmen. Warum es bis heute keine wirtschaftliche Förderung von Manganknollen oder Kobalt-Eisen-Mangankrusten gibt, die sich auf unterseeischen Bergen ablagern, hat ein humorvoller UN-Beamter 1998 zum Internationalen Jahr der Meere so zusammengefasst: „Tiefseebergbau lässt sich mit folgendem Bild vergleichen. Jemand steht an einem windigen Tag auf der Spitze eines New Yorker Wolkenkratzers und versucht mit einem Staubsauger, der an einen langen Schlauch angeschlossen ist, Murmeln von der Straße zu saugen.“ Und dann sanken die Rohstoffpreise erst einmal wieder – und damit auch das Interesse.
An der Analyse des Beamten hat sich bis heute praktisch nicht allzu viel verändert. Es gibt nach wie vor kein erprobtes Abbauverfahren. Die technischen Herausforderungen sind weiterhin enorm. Schließlich muss in 1000 bis 4500 Metern Tiefe unter hohem Druck, ohne Licht und bei Temperaturen um die zwei Grad Celsius gearbeitet werden. Dafür haben inzwischen allerdings Öl- und Gaskonzerne bereits technische Lösungen gefunden, deshalb erwarten auch die Bergbauunternehmen demnächst den Durchbruch. Das erste kommerzielle Tiefseebergbauprojekt der kanadischen Firma Nautilus etwa 30 Kilometer vor Papua-Neuguinea ist allerdings im vergangenen Dezember wegen eines Streits über die Finanzierung zunächst einmal zum Erliegen gekommen. Nautilus wollte bis zu zehn Tonnen Gold und mehr als 100 000 Tonnen Kupfer aus einem Gebiet sogenannter „Schwarzer Raucher“ fördern. Das sind schwefelhaltige Öffnungen, die durch das Zusammentreffen von säurehaltigem heißem Wasser auf kaltes Wasser Mineralien aus den Gesteinen lösen. Die „Schwarzen Raucher“ sehen aus wie Mini-Vulkane am Meeresgrund. Allerdings hat das Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) bei seinen Forschungen festgestellt, dass ein großer Teil dieses mineralischen Materials sich nicht direkt an den „Schwarzen Rauchern“ ablagert sondern sich auf dem Meeresboden verteilt, „und für den Bergbau nicht zur Verfügung“ stehe.
Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hat im Auftrag der Bundesregierung 2006 einen Vertrag mit der Internationalen Meeresbodenbehörde (IMB) der Vereinten Nationen, die ihren Sitz seit 1994 in Jamaika hat, abgeschlossen. Das deutsche Lizenzgebiet liegt zwischen Hawaii und Mexiko und ist nach Angaben der BGR etwa so groß wie Schleswig-Holstein und Niedersachsen zusammen – 75 000 Quadratkilometer im Osten des „Manganknollengürtels“. Weitere elf Staaten haben solche Lizenzen erworben, darunter sind China und Indien. 15 Jahre lang kann Deutschland das Gebiet erforschen und Daten für eine mögliche Förderung der Mineralien sammeln. Ein Ergebnis der Forschungsfahrten ist nach Angaben der Umweltorganisation WWF, dass sich dort eine Vielzahl von Tierarten findet, die den Biologen des Zentrums für Marine Biodiversitätsforschung in Wilhelmshaven noch völlig unbekannt waren.

Der rechtliche Rahmen

165 Staaten haben inzwischen die UN-Konvention zum Meeresrecht (Unclos) ratifiziert. Die USA gehören als einer der wenigen Staaten nicht zu den Zeichnern der Konvention. Die erste Konferenz über das globale Fischereimanagement, die Frage, wie groß die Zugriffszonen der Küstenstaaten sein dürften, und wer die Kontinentalsockel nutzen darf, fand schon 1956 statt. Der Anlass war die sogenannte Truman-Deklaration. Der damalige amerikanische Präsident dehnte den Rechtsrahmen über die natürlichen Ressourcen auf den Kontinentalsockel aus. Von 1946 bis 1950 vergrößterten Argentinien, Chile, Peru und Ecuador ihre Ausschließlichen Wirtschaftszonen auf 200 Seemeilen – sie wollten sich so den Zugriff auf die lukrativen Fischschwärme sichern, die entlang der Humboldt-Strömung vorkamen.

1960 fand die zweite Unclos-Konferenz statt, ohne neue Ergebnisse zu bringen. Von 1973 bis 1982 handelten Diplomaten aus 160 Ländern zäh die Internationale Seerechtskonvention aus, die 1994 in Kraft tritt. Dieser Vertrag enthält bedeutende Regelungen: Die hohe See wird endgültig zum „Erbe der Menschheit“ erklärt. Wer für die Ausbeutung von nicht lebenden Ressourcen – also kein Fisch – bei der IMB Lizenzen erwirbt, muss einen Teil der Gewinne abtreten. Diese Mittel sollen den am wenigsten entwickelten und landumschlossenen Entwicklungsländern zukommen. Außerdem wird die 200-Meilen-Zone als allgemein gültige Grenze nationaler Gerichtsbarkeit festgelegt. Allerdings kann diese Grenze auf bis zu 350 Meilen ausgedehnt werden, wenn Küstenstaaten der Kommission über die Grenzen der Kontinentalsockel (CLCS) entsprechend der Unclos-Definition ihre Ansprüche darlegen können und diese genehmigt werden. 53 Länder haben inzwischen solche Anträge gestellt, weitere 45 bereiten sie vor.


Die geostrategischen Folgen
Der neue Wettlauf um Ressourcen in der Tiefsee verändert insbesondere im Pazifik die politischen Gewichte. Dort liegen viele der kleinen Inselstaaten, die unter dem Klimawandel besonders leiden. Sie müssen damit rechnen, dass ihr Staatsgebiet wegen des steigenden Meeresspiegels zunächst unbewohnbar und schließlich womöglich sogar komplett überflutet werden könnte. Doch wenn sie mit ihren Anträgen an die CLCS Erfolg haben, werden diese womöglich noch in diesem Jahrhundert landlosen Staaten über beträchtliche Lizenzgebiete für den Fischfang und den Tiefseebergbau verfügen. Schon jetzt haben Firmen Interesse daran, mit Papua-Neuguinea, oder den Cook-Inseln, mit Kiribati oder Fidschi Lizenzverträge auszuhandeln.

Die vermuteten Reichtümer unter dem Meeresspiegel verschärfen aber auch Konfliktlagen wie aktuell beispielsweise zwischen China und Japan. Der Streit um einige unbewohnte Inseln im Südchinesischen Meer dreht sich vor allem um die dort vermuteten großen Erdöl- und Erdgasreserven. Nach Angaben der amerikanischen Energieinformationsbehörde aus dem Jahr 2008 sollen dort bis zu 213 Milliarden Barrel (ein Barrel sind 159 Liter) Öl liegen. China hofft auf eine jährliche Gasförderung von 15 Milliarden Kubikmeter. Eine ähnliche Konfliktlage besteht zwischen Großbritannien und Argentinien um die Falkland-Inseln, die in Argentinien Malvinas heißen. Auch dort werden Öl und Gas im Meer vermutet. Auch in der Arktis, wo Norwegen, Russland, Kanada, Dänemark und die USA sich nicht über ihre Ansprüche einigen können, geht es vor allem um Erdöl und Erdgas.

Die Hoffnung auf die Schätze aus der Tiefsee hat die Diskussion über große Meeresschutzgebiete nicht gerade erleichtert. Dabei sind die Meere schon seit den 70er Jahren ein umweltpolitischer Problemfall. Einer der Gründe für die ersten Seerechtskonventionen war die Verklappung aller Arten von Abfällen bis hin zu Atommüll in der Tiefsee. Ende der 70er Jahre wurde diese Praxis gestoppt. Doch ein Müllproblem haben die Meere weiterhin. Sie sind inzwischen aber auch noch durchsetzt von sogenannten Todeszonen. Weil gewaltige Mengen Stickstoff und Phosphor aus der Landwirtschaft in die Meere geschwemmt werden, gibt es Zonen, in denen das so ausgelöste Algenwachstum dem Meerwasser den Sauerstoff komplett entzieht. Solche Todeszonen gibt es vor allem in der Ostsee, einem flachen Binnenmeer, das erst in der Eiszeit entstanden ist. Aber nicht nur da. Dagmar Dehmer

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