Politik : Pädagogenmangel: Von Lehrern und Raubrittern

Jürgen Zurheide,Claude Kohnen

Ihr Blutdruck steigt noch heute, wenn sie an Donnerstag vergangener Woche zurückdenkt. Gabriele Behler, die Düsseldorfer Schulministerin, hatte der Kultusministerkonferenz ein leidiges Problem vorgetragen - und Anzeigen kritisiert, mit denen ihre hessische Amtskollegin Karin Wolff (CDU) gezielt noch während des laufenden Schuljahres Lehrer aus anderen Bundesländern abwerben will. "Das ist modernes Raubrittertum", schäumt Behler. Und in diesem Punkt hatte die Sozialdemokratin fast alle auf ihrer Seite. Am Ende reichte es zu einem 15 zu 1 Beschluss gegen die hessischen Praktiken: "Immerhin haben sich alle anderen Länder gegenseitig versprochen, niemanden im laufenden Schuljahr abzuwerben". Wolffs Rechtfertigung: Sie könne nichts dafür, wenn andere Länder ihre Lehrer schlechter bezahlten.

Die NRW-Ministerin berichtet: "Es gibt Einzelfälle, wo Lehrer gezielt aus Hessen angeschrieben worden sind und ihnen ein sofortiger Wechsel nahegelegt wird." Niemand in Düsseldorf weiß, nach welchem Muster man sich die Adressaten aussucht - vermutlich werden Lehrer gezielt umworben, die sich früher einmal in Hessen beworben haben. Genaue Zahlen gibt es angeblich nicht, aber rings um das Düsseldorfer Kultusministerium wird gemunkelt, dass im ablaufenden Kalenderjahr mindestens 100 Pädagogen von der Ruhr an den Main gewechselt sind. CDU-Oppositionsführer Jürgen Rüttgers heizt den Streit noch an: "Es ist abenteuerlich, wenn die Landesregierung bei der Lehrerabwanderung nur von Einzelfällen spricht". Für ihn ist das logische Konsequenz aus den zahlreichen Fehlern, die rot-grüne Koalition in der Bildungspolitik gemacht hat. Immerhin musste Behler selbst zugeben, dass an den Schulen nicht alles in Ordnung ist. Um einen Überblick über die ausfallenden Stunden zu erhalten, startete sie ein Pilotprojekt an 400 Schulen, die ihr künftig im Detail über Probleme mit der Stundentafel berichten müssen.

In der Tat ist das Gehalt für Lehrer in Hessen teilweise höher als in Nordrhein-Westfalen. Realschullehrer beginnen am Main grundsätzlich mit A 13, was einem Grundgehalt von 5500 Mark entspricht. An der Ruhr bietet Frau Behler Einsteigern in dieser Stufe nur A 12, was rund 300 Mark weniger bedeutet. Für Behler ist wenig tröstlich, dass die Bedingungen in NRW im Hauptschulbereich besser sind: ihr Unterrichtsausfall findet vor allem in den Gymnasien statt.

Auch die Kultusministerkonferenz sieht die Abwerbungsversuche nicht gern - wohl nicht zuletzt deshalb, weil die ärmeren Bundesländer fürchten müssen, eines Tages mit ähnlichen Problemen wie Nordrhein-Westfalen konfrontiert zu sein. Auch ihre Lehrer könnte es in Gegenden ziehen, in denen die Bezahlung besser ist. "Der Versuch, im laufenden Schuljahr Lehrer abzuwerben, ist nicht zu rechtfertigen", ärgert sich der derzeitige Vorsitzende der Konferenz, der Bremer Bildungssenator Willi Lemke (SPD). Damit würde der Ablauf eines geordneten Unterrichts in anderen Ländern, die weniger attraktive Verträge anbieten können, erheblich gefährdet, sagt Lemke dem Tagesspiegel. Vor allem in den neuen Bundesländern werden jungen Lehrkräften oft nur Angestelltenverträge angeboten. Deshalb verfehlt der von Hessen ausgeworfene Köder attraktiver Vollzeit-Beamtenstellen bei vielen schlecht bezahlten Nachwuchskräften auch nicht seine Wirkung.

Die Bildungspolitiker scheinen aber einzusehen, dass der akute Lehrermangel zum Teil selbstverschuldet ist. Jahrelang warnte man junge Leute davor, auf Lehramt zu studieren, da dies schnurstracks in die Arbeitslosigkeit führe. Doch die Prognosen über die Entwicklung der Schülerzahlen und damit auch den Bedarf an Lehrkräften erweisen sich heute als falsch. Dieses Jahr wurden rund 29 000 Lehrer eingestellt, ein Drittel mehr als 1999. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede: Durch den Geburtenrückgang im Osten wird dort der Bedarf an Lehrkräften eher sinken, während in Regionen wie Hessen mehr Lehrer gebraucht werden.

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