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Pädophilie-Debatte bei den Grünen : Trittin: "Unsere Position muss Missbrauchsopfern als Hohn erscheinen"

In der Pädophilie-Debatte übt nun auch Grünen-Spitzenkandidat selbst Schadensbegrenzung. Auf einer Kundgebung äußert er sein Bedauern gegenüber Missbrauchsopfern. Zugleich lobt er die Aufarbeitung innerhalb der Partei. Doch den politischen Gegnern ist das nicht genug.

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Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Partei Bündnis 90/ Die Grünen, steht wegen der Pädophilie-Debatte in der Kritik.
Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Partei Bündnis 90/ Die Grünen, steht wegen der Pädophilie-Debatte in der Kritik.Foto: dpa

In der Debatte um den Umgang mit Pädophilie in den Anfangsjahren der Grünen hat sich Spitzenkandidat Jürgen Trittin erneut entschuldigt: "Wir Grünen, mich eingeschlossen mit der Verantwortung, haben in den frühen Achtziger Jahren eine Position vertreten zur Pädophilie, die muss allen Missbrauchsopfern als Hohn erscheinen." Trittin sprach auf Abschlusskundgebung der bayrischen Grünen in Augsburg. Erneut benannte er die Pädophilie-Positionen von früher als "Fehler".

Allerdings sei dieser Fehler heute korrigiert. Die Grünen seien im Bundestag die ersten gewesen, die die Frage nach sexuellem Missbrauch in der Gesellschaft aufgeworfen hätten. "Und als Ausfluss dieser Debatte haben wir diese Position 1989 korrigiert", sagte Trittin weiter. Seitdem sei völlig klar, dass jede Form von sexuellem Umgang mit Kindern Missbrauch sei. "Wir wissen auch, dass wir dafür zu lange gebraucht haben", räumte er ein.

Sigmar Gabriel lobt Trittin - Claudia Roth wettert gegen die Union

Die Sicht vertritt auch der mögliche Koalitionspartner in spe: Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel sagte, er habe "großen Respekt davor, wie die Grünen jetzt mit ihrer eigenen Vergangenheit umgehen". Nichts werde beschönigt, "alles kommt auf den Tisch." Gleichzeitig sprach auch Grünen-Bundeschefin Claudia Roth Trittin zur Seite. Sie warf mehreren Unions-Politikern in der Pädophilie-Debatte Scheinheiligkeit vor. So diskrimiere CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt offen Schwule und Lesben und hetze gegen Flüchtlinge, meinte Roth. Und die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, habe zusammen mit Unionsfraktionschef Volker Kauder und dem heutigen CSU-Chef Horst Seehofer 1997 im Bundestag gegen die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe gestimmt. "Von all denen müssen wir Grüne uns nicht sagen lassen, was Moral ist und was verantwortungsvolles Handeln ist", sagte Roth bei der Kundgebung in ihren Heimat-Wahlkreis.

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Martenstein, scheitern jetzt die Grünen?
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Sowohl Dobrindt als auch Hasselfeldt und Kauder waren Trittin scharf angegangen, nachdem dessen Verwicklung in die Pädophilie-Debatte der Grünen öffentlich wurden. So forderten Dobrindt und Hasselfeldt, Trittin solle seine Spitzenkandidatur ruhen lassen. Er wäre "einer der ersten, die sich entrüstet und einen Rücktritt gefordert hätte", sagte Hasselfeldt. Unionsfraktionschef Volker Kauder forderte die Grünen auf, in der Partei einen Beauftragten für die Angelegenheiten von Missbrauchsopfern zu ernennen. "Die Grünen sind dabei, ihre moralischen Ansprüche, die sie jahrelang als Maßstab ihrer Politik geltend gemacht haben, zu verspielen", sagte Kauder der „Welt“.

Auch Katrin Göring-Eckardt soll zur Pädophilie-Debatte Stellung beziehen

Zuvor rückte nach Trittin auch Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt ins Schussfeld der CDU/CSU. Angesichts neuer Vorwürfe in der Pädophilie-Debatte bei den Grünen fordern mehrere Unionsfrauen in einem offenen Brief in der "Leipziger Volkszeitung" Göring-Eckardt auf, sich aktiv in die Aufklärung der "Pädophilie-Verstrickungen" Trittins einzuschalten. "Als Mutter zweier Söhne dürfen Sie zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen nicht schweigen", heißt es in dem Schreiben. Darin fordert die familienpolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Dorothee Bär, mit sechs Frauen aus dem Bundesvorstand der Jungen Union Göring-Eckardt auf, "einen übergreifenden Konsens für eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Pädophilie“ zu erarbeiten.

Wie nur wenige Tage vor der Wahl bekannt wurde, zeichnete Trittin 1981 für ein Kommunalwahlprogramm verantwortlich, in dem Straffreiheit für gewaltfreie sexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern gefordert wurde. Trittin räumte dies als Fehler ein: "Dies ist auch meine Verantwortung."

Die Vorsitzende der CSU-Landesgruppe, Gerda Hasselfeldt, forderte Trittin gar zum Rückzug von der Spitzenkandidatur auf. Ginge es um den politischen Gegner, wäre Trittin „einer der ersten, die sich entrüstet und einen Rücktritt gefordert hätten“, sagte Hasselfeldt der „Rheinischen Post“. Der grüne Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn polterte zurück: Die Konkurrenz instrumentalisiere das Thema Pädophilie gegen seine Partei.

Auch von SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück erhielt Trittin Rückendeckung: Der Grüne habe zum Wahlprogramm von 1981 völlig angemessen Stellung genommen. (mit dpa)

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