Politik : Päpstliche Gastfreundschaft

Benedikt XVI. empfängt mitten im italienischen Wahlkampf Politiker – aber nur „die Rechten“

Paul Kreiner[Rom]

Papst Benedikt XVI. hat ein Tabu gebrochen: Er empfängt italienische Politiker mitten im Wahlkampf. Aber nicht jeden, und deshalb ist heftiger Streit entbrannt.

Eine Privataudienz beispielsweise bekam Marcello Pera. Er ist Präsident der zweiten Parlamentskammer und langjähriger Freund Joseph Ratzingers. Beide zusammen haben ein Buch über die Verteidigung der christlichen Werte und des Abendlandes verfasst. Pera ist aber auch Parteifreund von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, und die Fotos von seiner Begegnung mit dem Papst hat er breit an alle Medien gestreut. Ende März, nur zehn Tage vor der Parlamentswahl, darf dann auch Berlusconi selbst „über den Tiber“, wie man in Rom sagt. Die Europäische Volkspartei, zu der Berlusconis Forza Italia gehört, feiert ihren 30. Gründungstag nicht von ungefähr in Rom – und der Papst konnte der größten Fraktion im Europaparlament, diesem Verbund konservativ und christlich ausgerichteter Parteien, eine Sammelaudienz kaum versagen.

Italiens Opposition wettert, in einem Land mit 90 Prozent Katholiken stelle eine Audienz beim Papst eine massive Beeinflussung der Wähler dar. Und in der Tat: Berlusconis Herausforderer Romano Prodi mitsamt seinem Mitte- links-Bündnis ist bisher nicht in den Apostolischen Palast geladen. Dabei gilt Prodis Lebenswandel als untadelig: Anders als Berlusconi, der zur Religion lediglich ein politisch-taktisches Verhältnis hat und – der katholischen Ehemoral zuwider – bereits zum zweiten Mal verheiratet ist, geht Prodi regelmäßig zur Kirche und lebt seit 37 Jahren an der Seite seiner Ehefrau Flavia.

Berlusconi wiederum hat in seinen fünf Regierungsjahren und in der Koalition mit den Christdemokraten alles getan, um die Kirche und ihre starken publizistischen Hilfstruppen ruhig zu halten. Vor ein paar Tagen erst hat seine Partei eine Broschüre an 25 000 Pfarrer verschickt, in der sie alles auflistet, was sie für die Kirche oder in ihrem Sinne geleistet hat: die starke Begünstigung katholischer Privatschulen beispielsweise, die mehr Lehrer einstellen dürfen als die staatlichen; die Freistellung kirchlicher Einrichtungen, auch kommerzieller, von der Grundsteuer; der 1000-Euro-Scheck für jedes 2005 geborene Baby und nicht zuletzt die Beibehaltung jenes strengen Gesetzes gegen die künstliche Befruchtung, das ziemlich genau der katholischen Lehre entspricht.

Ein Volksentscheid zur Reform ist 2005 gescheitert, weil die Kirche ihre Gläubigen zum Boykott des Referendums aufgefordert hatte. In der Broschüre an die Pfarrer weist Berlusconi darauf hin, dass „fast alle Exponenten der Forza Italia und der Regierungschef selbst“ dem Aufruf gefolgt seien.

Prodi indes – „ich bin erwachsen“ – hatte am Referendum teilgenommen. Und nicht nur das: Er forderte auch einen rechtlichen Schutz für unverheiratete Paare, eine Art „eingetragene Lebensgemeinschaft“, und das gefällt der katholischen Kirche gar nicht. Über diese „Lebensgemeinschaften“ indes streitet man auch innerhalb des Oppositionsbündnisses. Die versprengten Christdemokraten in Prodis Lager verlangen katholische Strenge, die Kommunisten und die antiklerikalen „Radikalen“ protestieren gegen die „dauernde Einmischung der Kirche“.

So sind die Linken und wohl auch Prodi, selbst wenn sie gegen die Papstaudienzen für die Rechten schimpfen, gar nicht unglücklich über die ausbleibende Einladung an sie selbst. Prodi beim Papst – einen Teil der eigenen Wähler würden solche Bilder eher abschrecken.

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