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Paketbombenterror : Anarchisten bekennen sich zu Anschlägen in Rom

Bombenterror in Rom: Kurz nach der Explosion einer Paketbombe in der Schweizer Botschaft geht auch in Chiles Vertretung ein Sprengsatz hoch. Am Abend bekennen sich italienische Anarchisten zu der Tat.

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23. Dezember: In Rom detonieren in den Botschaften der Schweiz und Chiles Paketbomben. Italienische Anarchisten bekennen sich zu den Anschlägen.
23. Dezember: In Rom detonieren in den Botschaften der Schweiz und Chiles Paketbomben. Italienische Anarchisten bekennen sich zu...Foto: AFP

Italiens Außenminister Franco Frattini sprach von einer „schweren Bedrohung“, und das Land geriet am Tag vor Heiligabend in Aufregung: Die Explosion zweier Paketbomben in Rom hat am Donnerstag sämtliche ausländischen Botschaften in Alarmzustand versetzt. Auch die deutsche Botschaft erhöhte nach den zwei Explosionen ihre Sicherheitsvorkehrungen.

Entwarnung gab es bei der EU-Botschaft in Bern: Ein Paket ohne Absender, das an EU-Botschafter Michael Reiterer adressiert war, erwies sich nach Angaben der Polizei als harmlos. Die Botschaft war wenige Stunden nach dem Paketbombenanschlag in der Schweizer Botschaft in Rom teilweise evakuiert worden. Auch ein zunächst als verdächtig gemeldeter Umschlag in der ukrainischen Botschaft in Rom stellte sich als ungefährlich heraus.

Die erste Bombe – ein gelber Umschlag mit einem Gegenstand von der Größe einer Videokassette – explodierte gegen Mittag in der Schweizer Vertretung. Der für die Post zuständige Angestellte wurde beim Öffnen der Sendung so schwer an den Händen verletzt, dass die Ärzte eine Amputation nicht ausschlossen. Lebensgefahr allerdings bestand für den 53-Jährigen nicht.

Der nächste Bombenalarm kam kurz danach aus der chilenischen Botschaft. Auch hier wurde ein Mitarbeiter bei der Detonation des Päckchens verletzt, allerdings weniger schwer als der Schweizer. Da die beiden Umschläge und die Sprengsätze von gleicher Art waren, schließen die italienischen Ermittler auf eine einheitliche Täterschaft – wobei unklar ist, was die Schweizer und die chilenische Botschaft als Anschlagsziele gemein haben sollten.

Am späten Abend berichtete dann die Nachrichtenagentur Ansa, eine italienische Anarchistengruppe habe sich zu den beiden Anschlägen bekannt. Ihr Bekennerschreiben habe sich in einer kleinen Schachtel befunden, die neben einem der beiden Botschaftsmitarbeiter gelegen habe, die bei den Explosionen verletzt worden waren. Bei der Anarchistengruppe handele es sich um die „Federazione Anarchica Informale“.

Bereits zuvor hatten italienische Polizei- und Geheimdienstquellen spekuliert, dass es sich bei den Absendern der Briefbomben um anarchistische Kreise handeln könnte. Neben Italienern wurden auch Griechen als Täter vermutet und zwar jene, die schon im November an mehrere europäische Regierungschefs explosive Sendungen geschickt hatten – an Angela Merkel in Berlin, Nicolas Sarkozy in Paris und Silvio Berlusconi in Rom. Die damalige Serie soll von linksautonomen Griechen ausgegangen sein. Die in Rom entdeckten Sprengkörper wiesen Ähnlichkeiten mit den Briefbomben auf, die vor einigen Wochen in Griechenland aufgetaucht seien.

Im Schweizer Fall wurde am Donnerstag zunächst angenommen, italienische „Öko-Anarchisten“ hätten den in der Schweiz inhaftierten militanten Atomkraftgegner Marco Camenisch freipressen wollen. Der sichtlich geschockte Schweizer Botschafter, Bernardino Regazzone, wies darauf hin, dass die Briefbombe „nur der letzte aus einer Serie von Vorfällen“ gewesen sei. So habe man beispielsweise im Oktober auf der Mauer um das Botschaftsgelände einen „rudimentären Sprengsatz“ entdeckt; Schuldige seien bisher nicht gefunden worden. Bei der Polizei hieß es, der damals nicht explodierte Sprengsatz habe die Botschaft „Befreit Costa, Silvia e Billy!“ enthalten. Das könnte ein Hinweis auf drei Italiener gewesen sein, die im April in Zürich unter dem Verdacht verhaftet worden sind, sie hätten einen Anschlag auf den Schweizer IBM-Sitz geplant.

Die italienischen Anarchisten, in recht kleinen Gruppen locker organisiert, haben eine lange Tradition. Auf mehrere hundert wird ihre Zahl geschätzt, doch selbst das sie jagende ROS (Sondereinsatzkommando der Carabinieri) dürfte keinen so ganz genauen Überblick über die Szene haben, deren Mitglieder „subversiv“ miteinander verbunden sind. Fachleute meinten einmal, die Anarchisten wollten schweren Schaden anrichten, dabei aber keine Menschen töten. Ein Polizeipräsidium kann ihr Ziel sein oder auch italienische Fernsehsender, weil die Anarchisten darin Instrumente der Unterdrückung sehen. (mit dpa/dapd)

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