Pakete aus dem Jemen : Anschlagversuche: Behörden weltweit alarmiert

Der Fund von zwei Paketbomben aus dem Jemen mit Zielort USA hat die Sicherheitsbehörden weltweit in Alarmbereitschaft versetzt. Wie groß ist die Gefahr?

Friedemann Diederichs[Washington]

Der Fund von zwei Paketbomben aus dem Jemen mit Zielort USA hat die Sicherheitsbehörden weltweit in Alarmbereitschaft versetzt. Nach Großbritannien und Frankreich stoppte auch die Bundesregierung alle Frachtflüge aus dem Jemen. Weltweit wurde nach weiteren Bomben gesucht.

Was ist über die Drahtzieher bekannt?

Die Sprengsätze, die in Großbritannien und Dubai abgefangen wurden, werden Al Qaida zugeschrieben. US-Heimatschutzministerin Janet Napoletano sprach von klaren Hinweisen in Richtung des Terrornetzwerks. Die Pakete waren an jüdische Einrichtungen in Chicago adressiert. Sicher scheint, dass sie das Werk eines professionellen Al-Qaida- Bombenbauers sind. Geheimdienstkreise nennen in diesem Zusammengang den 28-jährigen saudischen Staatsbürger Ibrahim Hassan Al Asiri, der in seiner Heimat auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher steht. Im vergangenen Jahr soll Al Asiri im Körper seines Bruder einen raffinierten Sprengsatz verborgen haben, der dann bei dessen Treffen mit dem saudischen Prinzen und Antiterror-Beauftragten Mohammed bin Nayef detonierte und beide tötete. Auch soll Al Asiri jene „Unterwäsche- Bombe“ konstruiert habe, die der im Jemen trainierte Nigerianer Umar Farouk Abdulmuttalab Ende 2009 auf einem Flug von Amsterdam nach Detroit zu zünden versuchte. Zu dem Anschlagsversuch hatte sich Al Qaida damals bekannt. Alle Sprengsätze enthielten das Material PETN (siehe Kasten).

Auf der Suche nach den Hintermännern der vereitelten Paketbombenanschläge nahmen die Behörden am Sonntag im Jemen weitere Verdächtige fest. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, handelt es sich um Kontaktpersonen der Studentin, die eines der verdächtigen Pakete aufgegeben haben soll. Die Festgenommenen waren in der Anruferliste ihres Handys verzeichnet. Die junge Frau war bereits am Samstag festgenommen worden, nachdem US-Ermittler sie als Käuferin der SIM-Karte identifiziert hatten, die an einem der Sprengsätze befestigt war. Am Sonntag wurde sie jedoch wieder freigelassen. „Eine andere Frau hat ihren Namen und ihre Identität benutzt. Behörden suchen nach dieser Frau“, sagte ein Regierungsbeamter am Sonntag der Nachrichtenagentur Reuters. Auch ihr Anwalt war davon ausgegangen, dass die 22-jährige Studentin Opfer eines Identitätsdiebstahls geworden sein könnte. Laut BBC hatte sie ihre Telefonnummer bei einem Frachtunternehmen hinterlegt.

Was ist noch offen?

Noch nicht klar ist beispielsweise, ob die Paketbombe, die nach dem Transit durch den Flughafen Köln/Bonn auf dem East Midlands-Airport in Großbritannien abgefangen wurde, das UPS-Frachtflugzeug zum Absturz bringen sollte. Oder ob der Anschlagsversuch wie auch bei der zweiten in Dubai gestoppten Fedex-Sendung dem potenziellen Empfänger, einer Synagoge in Chicago, galt. Nicht sicher ist auch, ob sich derzeit noch weitere explosive Sendungen im Umlauf befinden. Und ob die Bombenpakete vielleicht doch nur ein Test der Sicherheitsmaßnahmen waren, um eine Attacke größeren Ausmaßes vorzubereiten, ist ebenfalls offen.

Welche Gefahr besteht für Passagierjets, die Fracht transportieren?

Pakete in Passagiermaschinen werden derzeit vergleichsweise locker kontrolliert – der Fokus lag in der letzten Zeit mehr auf den Passagieren selbst. Am Sonntag wurde bekannt, dass eines der beiden Pakete zuvor auch von Passagiermaschinen im Nahen Osten befördert worden war. Wie ein Sprecher von Qatar Airways in Doha erklärte, flog die Fluglinie den Sprengstoff aus dem Jemen über Doha nach Dubai, wo er am Freitag entdeckt wurde. US-Medien berichten, das Paket, das an die Synagoge in Chicago gehen sollte, sei an Bord zweier Passagierflüge in Nahost unterwegs gewesen. Qatar Airways sei allerdings nicht für die Gepäckkontrollen vor dem Start verantwortlich, sagte der Sprecher der Linie nach Angaben der katarischen Nachrichtenagentur. Die Kontrollen lägen in der Verantwortung des jeweiligen Flughafens.

Haben die Anschlagsversuche Auswirkungen auf die amerikanische Jemen-Politik?

Der Terroralarm dürfte die Debatte erneuern, wie effektiv die Antiterrorpolitik des Jemen tatsächlich ist. In Washington gibt es Überlegungen, permanent im Jemen jene Drohnen zu stationieren, mit denen seit längerem erfolgreich im afghanisch- pakistanischen Grenzgebiet gegen Taliban und Al Qaida operiert wird. Allerdings ist ungewiss, ob Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh dem zustimmen würde. Am Samstag hatte er sich jegliche Einmischung von außen in die Antiterrorpolitik des Landes verbeten. Anfang des Jahres hatte Washington noch 150 Millionen Dollar zur Bekämpfung der Al-Qaida-Präsenz auf der Arabischen Halbinsel überwiesen und 50 Ausbilder zur Verfügung gestellt. Auch war die Zahl der CIA-Agenten im Land erhöht worden. Doch an Irritationen mangelt es nicht. Im Mai hatte ein US-Raketenangriff versehentlich einen Provinzgouverneur im Jemen getötet, worauf Saleh einen Monat lang alle Aktionen der Amerikaner im Land aussetzte.

Hat sich die Bedrohung auf den Endspurt des US-Wahlkampfs ausgewirkt?

Kurz vor den Kongress-Zwischenwahlen passte eine Debatte über die Antiterrorpolitik Washingtons und die innere Sicherheit dem US-Präsidenten nicht ins Konzept. Zwar hatte Barack Obama noch am Freitag in einem schnell anberaumten Auftritt vor dem Pressekorps den entschlossenen Krisenmanager verkörpert und von einer „glaubhaften terroristischen Bedrohung gegen unser Land“ gesprochen. Doch bei seinen Reden in Pennsylvania, Connecticut und seiner Heimatstadt Chicago fiel am Samstag dann kein Wort zum Thema Terror. Den Umgang mit den Details der Paketbomben-Bedrohung überließ Obama seinem wichtigsten Antiterror-Berater John Brennan. Zuvor hatte Obama noch telefonisch dem saudischen König Abdullah für die Kooperation gedankt. Dessen Geheimdienst und nicht die CIA war es, der Brennan und gleichzeitig auch das deutsche Bundeskriminalamt alarmiert und damit die Suche nach den Paketen initiiert hatte. mit dpa

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