Politik : Pakistan: Am Rande des Abgrunds

Gabriele Venzky

Die Amerikaner haben dem pakistanischen Militärherrscher Pervez Musharraf die Pistole auf die Brust gesetzt. Anders als früher kann der General dem Druck nun nicht mehr ausweichen. Darum hat er Washington bereits seine "uneingeschränkte Unterstützung" versichert und erklärt, es bedürfe jetzt einer weltweit konzertierten Aktion, um den Terrorismus zu bekämpfen. Plötzlich ist Pakistan eine Schlüsselrolle zugefallen. Kein Staat hat so gute Kontakte zu Afghanistan und kein Nachrichtendienst weiß so gut Bescheid über die wechselnden Aufenthaltsorte des Terroristen Osama bin Laden wie sein Militärgeheimdienst ISI.

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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA Schließlich war es eben dieser ISI, der zusammen mit den fundamentalistischen Organisationen in Pakistan die Taliban erst geschaffen und dann ins Nachbarland geschickt hat. Übrigens ganz im Einverständnis mit den Amerikanern, die zunächst die verschiedensten "Heiligen Krieger" - Osama bin Laden eingeschlossen - als vermeintlich nützliche Truppe gegen die damalige Sowjetunion aufgerüstet hatten. Später glaubten sie, die Taliban würden ihnen zu den ersehnten Ölpipelines von Zentralasien durch Afghanistan nach Karachi verhelfen. Erst als es zu spät war, ging den politischen Naivlingen und gierigen Geschäftemachern in den USA auf, wen sie da genährt hatten.

Pakistan ist bis zum heutigen Tag die Hauptstütze des Regimes in Kabul, auch wenn es das hartnäckig leugnet. Aber nicht nur auf dem geheimdienstlichen Sektor ist Pakistan nun gefragt. Überflugrechte werden verlangt für Raketen und Flugzeuge der 5. Flotte, die am Persischen Golf stationiert ist. Und wenn der Konflikt sich ausweiten sollte, dann könnte eine Präsenz amerikanischer Truppen auf pakistanischem Boden notwendig werden.

Zwar hat sich Indien am Freitag in einem noch nie dagewesenen Entschluss bereit erklärt, den Amerikanern seine militärischen Installationen für einen möglichen Vergeltungsschlag zur Verfügung zu stellen. Aber Indien ist weiter weg und kennt sich nicht so gut aus. Dem pakistanischen General bleibt also gar nichts anderes übrig, als endlich Farbe zu bekennen. Schließlich steht neben der Bitte um Beistand an den ehemaligen Verbündeten auch noch das drohende "Oder". Oder heißt: ... oder wir drehen dir den Kredithahn zu, so dass Pakistan bankrott geht und die Tage der jetzigen Militärherrschaft gezählt sind. Oder heißt aber auch die Einstufung als "Schurkenstaat" und damit die totale Isolation: nie mehr wirtschaftliche oder militärische Hilfe, ja als verdächtiger Komplize mögliches Ziel von Vergeltungsaktionen. Pakistans General ist damit in eine Zwickmühle geraten. Denn wenn er dem amerikanischen Begehren stattgibt, dann holt er sich die pakistanischen Taliban auf den Hals. Ihre Dachorganisation, die Lashkar-e-Tayyba, hat bereits angekündigt, sie werde "Schulter an Schulter mit unseren afghanischen Brüdern den Heiligen Krieg gegen die Angreifer beginnen." Auch das wäre das Ende der Herrschaft Musharrafs, der sich schon jetzt nur noch mit Mühe gegen die fortschreitende Talibanisierung in seinem Lande behaupten kann. Denn der Anti-Amerikanismus ist enorm in Pakistan und die Sympathien für die Radikalen in Afghanistan und Osama bin Laden sind groß. Seit den Anschlägen in Amerika finden dessen jüngste Propaganda-CDs und T-Shirts mit dem Abbild des Top-Terroristen besonders reißenden Absatz. Natürlich weiß man auch in Washington, dass nach einem Sturz des sich immer noch gemäßigt gebenden Musharraf die Fundamentalisten an den Drücker der pakistanischen Atombombe rücken. Das ist eine furchtbare Aussicht.

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