Politik : Pakistan fürchtet die eigenen Extremisten

dpa

Die Lage in Kaschmir ist Besorgnis erregend. Indische Politiker rufen nach dem Terrorangriff auf das Parlament in Neu-Delhi dazu auf, moslemische Separatisten auch auf pakistanischem Gebiet zu bekämpfen. Indiens Premier Vajpayee sprach von "anderen Optionen" als jener der Diplomatie. Bei Razzien und einem Anschlag islamischer Extremisten kamen mehrere Menschen zu Tode. Indien und Pakistan verstärken ihre Truppen an der Grenze. Krieg droht - und der könnte zum Atomkrieg werden.

Indien hat längst klar gemacht, was Pakistan tun müsse, um das zu verhindern. Aus indischer Sicht sind zwei Extremistengruppen für den Angriff auf das Parlament verantwortlich: "Wir haben von Pakistan gefordert, die Aktivitäten von Lashkar-e-Toiba und Jaish-e-Mohammed zu beenden und ihre Anführer festzunehmen", sagt der indische Außenminister Jaswant Singh. Wenn Pakistan dies täte, wäre der aktuelle Konflikt entschärft. Pakistan ist dazu aber noch nicht bereit. Staatschef Pervez Musharraf hat nach Ansicht von Beobachtern Angst, dass die zahlreichen radikalen Moslem-Gruppen, mit denen er gerade erst eine Konfrontation wegen seiner Hilfe für die USA bei den Angriffen auf Afghanistan überstanden hat, ihn des Verrats bezichtigen würden, wenn er gegen gegen die beiden Extremistengruppen vorginge.

Seit mehr als einem Jahrzehnt bezeichnet Pakistan die Fanatiker als "Freiheitskämpfer". Diese kämpfen im indischen Teil-Kaschmirs nicht nur gegen die Armee, sondern haben auch Zivilisten massakriert und westliche Touristen entführt. Nun haben sie auch noch das indische Parlament angegriffen. Musharraf könne aber diese Leute nicht plötzlich als Terroristen verhaften, ohne im eigenen Lande unglaubwürdig zu werden, meinen Experten.

Allerdings steht Indien mit der Ansicht nicht allein, dass es sich bei Lashkar-e-Toiba und Jaish-e-Mohammed um Terroristen handelt. Die USA sehen das ebenso. Deshalb muss Musharraf abwägen, ob er sich bei den eigenen Leuten oder international unbeliebt machen will. Als es um den Kampf der USA gegen die Taliban ging, entschied sich Musharraf für den Westen. Nun, da es um Indien und Kaschmir geht, zögert er.

Den Vorwurf Indiens, Pakistan sei für den Angriff auf das Parlament mitverantwortlich, weil die Täter in Pakistan ihre Basis hätten, ließ Musharraf durch seinen Außenminister Abdul Sattar kontern. "Das ist eine einseitige Beschuldigung, die jeder Glaubwürdigkeit entbehrt. Scharfe Töne kommen aber auch aus Indien. Regierungschef Atal Behari Vajapayee sagte zwar, er wolle einen Krieg vermeiden: "Alle Alternativen sollten geprüft werden." Aber damit machte er zugleich klar, was passiert, wenn diese Alternativen geprüft sind und nichts bringen. Vajpayee will den Druck auf die USA und damit auf Pakistan erhöhen, etwas gegen die Moslem-Extremisten zu tun.

Zwei Fronten

Im geteilten Kaschmir schwelen gleich zwei Konfliktherde: An der Grenze beschießen pakistanische und indische Truppen einander, und im indischen Teil Kaschmirs kämpfen mehrere Moslem-Milizen für den Anschluss an Pakistan. Indien wirft Pakistan vor, die Separatisten zu unterstützen. Krieg und Gewalt haben 1947 mit der Teilung Indiens begonnen, als die britischen Kolonialherren Kaschmir trotz seiner moslemischen Bevölkerung nicht dem islamischen Pakistan angliederten. Seitdem haben Indien und Pakistan zwei ihrer drei Kriege um Kaschmir geführt. Die Himalaya-Region Kaschmir ist 222 000 Quadratkilometer groß - das sind fast zwei Drittel der Größe Deutschlands. Das Gebiet hat zehn Millionen Einwohner. Das eigentliche Kaschmir ist das Tal des Flusses Jhelum. Zu dem Ex-Fürstentum gehören auch die weiter südlich gelegene Region Jammu sowie Ladakh im Osten. dpa

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