Pakistan : Gefährlicher Frieden mit Islamisten

Maulana Abdul Aziz, Pakistans Hassprediger, ist wieder frei. Die Regierung scheint Frieden mit den Islamisten zu suchen. Doch der Versuch könnte nach hinten losgehen.

Christine Möllhoff

Neu-Delhi Es ist die Zeit des Freitagsgebets. Tausende Menschen drängen sich in der Roten Mosche im Herzen Islamabads, im Hof und in den Straßen der Umgebung. Manche sind 300 Kilometer weit gereist, nur um ihn zu sehen. Begeistert skandiert die Menge seinen Namen. „Der Tag ist nicht fern, wenn das islamische System im ganzen Land eingeführt wird. Seid ihr bereit, ins Gefängnis zu gehen, seid ihr bereit, Opfer zu bringen?“, ruft Maulana Abdul Aziz über die Lautsprecher. „Inschallah“, so Gott will, antwortet die Menge.

Pakistans Hassprediger ist zurück. Nach fast zwei Jahren Haft setzte man ihn nun wieder auf freien Fuß. Unter einer Burka versteckt, hatte der Mullah mit dem grauen Bart zu fliehen versucht – damals, im Juli 2007, als der damalige Militärherrscher Pervez Musharraf die von Maulana, seinem Bruder und ihren radikalen Anhängern besetzte Moschee hatte stürmen lassen. Offiziell wurden 100 Menschen getötet, vermutlich waren es viel mehr. Das Blutbad war ein Wendepunkt. Es beendete den Burgfrieden zwischen Pakistans Staatsführung und den Islamisten. Seither überziehen die Islamisten das Land mit Anschlägen. Nun sucht die Regierung offenbar wieder Frieden. Erst überließ Präsident Asif Ali Zardari das Swat-Tal den lokalen Taliban und führte dort die Scharia ein. Nun kam Aziz frei, obgleich noch 26 Klagen anhängig sind. Es wird gemunkelt, es gebe einen heimlichen Deal. Aziz habe zugesagt, den Rachefeldzug für das Moschee-Massaker einzudämmen.

Doch der neue Kurs scheint nach hinten loszugehen. Auch die USA, die bisher noch zuschauten, sind aufgeschreckt. Die Taliban „rücken näher und näher an Islamabad und den Punjab heran“, schlug der US-Sondergesandte Richard Holbrooke Alarm. Nirgendwo in der Welt sei die Lage so gefährlich wie in dem Atomstaat. Das Swat-Tal, ein früheres Urlaubsziel, liege „nur 100 Meilen von Islamabad entfernt“, warnte Holbrooke. „Wer den Punjab regiert, regiert Pakistan“, sagen die Pakistaner. Niemand scheint mehr zu wissen, wie man das Pulverfass Pakistan unter Kontrolle behält. Vor 20 000 jubelnden Anhängern verkündete der Radikalgeistliche Sufi Muhammed am Sonntag im Swat-Tal, Demokratie verstoße gegen den Islam – und man werde die Scharia landesweit einführen. 

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