Pakistan : Immer mehr Pakistaner misstrauen Bhutto

Erstmals nach ihrer Rückkehr nach Pakistan hat Benazir Bhutto gestern erstmals zu Protesten aufgerufen. Kritiker bleiben argwöhnisch und fragen sich, was sie wirklich will. Mit der Opposition zusammen arbeiten oder doch lieber mit Musharraf?

Rana Jawad[AFP]

ISLAMABAD - In den ersten Tagen nach der Verhängung des Ausnahmezustands in Pakistan hat sich Oppositionsführerin Benazir Bhutto mit ihrer Kritik an Präsident Pervez Musharraf auffallend zurückgehalten. Nach einem Treffen mit anderen Oppositionspolitikern fand die Ex-Regierungschefin, die erst vor drei Wochen aus dem Exil zurückgekehrt war, am Mittwoch erstmals deutliche Worte. Trotz Verbots rief sie ihre Landsleute zu Protesten auf. Waren zunächst vor allem Juristen auf die Straße gegangen, kündigen sich nun schwer zu kontrollierende Massenproteste an. Allerdings fragen sich viele, ob Bhutto den Weg zu Ende gehen wird oder sich lieber doch die Macht mit Musharraf teilt.

"Das ist ein Kampf um den Rechtsstaat, wir wurden angegriffen", sagte Bhutto kämpferisch nach einem Treffen mit Vertretern ihrer PPP und anderen Oppositionsparteien. Trotz des Demonstrationsverbots rief sie zu Massenprotesten auf und kündigte eine Demonstration in Rawalpindi am Freitag sowie einen "langen Marsch" am kommenden Dienstag in Lahore an. Dass der Polizeichef von Rawalpindi umgehend mit der gewaltsamen Auflösung der geplanten Demonstration drohte, machte auf Bhutto offenbar keinen Eindruck. "Wie viele Menschen können sie hinter Gitter bringen? Wir werden so viele versammeln, dass sie nicht genug Gefängnisse haben", drohte die ehemalige Ministerpräsidentin.

Bhuttos Absichten aus Sicht der Kritiker unklar

In Bhuttos Worten deutet sich ein Kurswechsel an. Seit Musharraf am vergangenen Samstag den Ausnahmezustand verhängte, hatte sie ihn zwar wiederholt aufgefordert, vom Amt des Armeechefs zurückzutreten und die Verfassung wieder in Kraft zu setzen. Die von Anwälten angeführten Straßenproteste erfuhren von ihr jedoch zunächst keine öffentliche Unterstützung.
  
Viele Landsleute argwöhnen jedoch, dass Bhutto ein doppeltes Spiel betreibt. Ihre Gegner verweisen darauf, dass die 54-Jährige im Gegensatz zu vielen anderen Oppositionspolitikern im Zuge des Ausnahmezustands nicht festgenommen oder unter Hausarrest gestellt wurde. So gehen einige Beobachter davon aus, dass Bhutto nicht auf eine Ablösung Musharrafs setzt, sondern immer noch darauf hofft, mit Musharraf eine Teilung der Macht aushandeln zu können.
  
"Sie will den Druck auf Musharraf erhöhen, um ihn zu einer Abmachung zu zwingen, durch die sie mit reinen Händen in die Wahl gehen kann", sagt Najam Sethi von der Zeitung "Daily Times". Für Bhutto sei es entscheidend sagen zu können, Musharraf sei durch öffentlichen Druck und nicht durch einen Machtpoker mit ihr zum Einlenken gebracht worden.

Versöhnung könnte Musharraf nutzen
  
Schon einmal hatte sich die charismatische Politikerin, die bereits zwischen 1988 und 1990 sowie zwischen 1993 und 1996 Regierungschefin in Pakistan war, auf einen Handel mit Musharraf eingelassen. Bhuttos Rückkehr aus dem Exil, durch das sie in den vergangenen acht Jahren Korruptionsvorwürfen aus dem Weg gegangen war, wurde nur durch ein Amnestiedekret Musharrafs möglich. Der Staatschef, dessen Beliebtheit in den vergangenen Monaten rapide abgenommen hatte, wollte sich damit an den Macht halten. Sein Kalkül lautete, mit Bhutto als Regierungschefin an der Seite weiter Präsident bleiben zu können. Auch Washington war diesem Plan zugeneigt, da die USA in Musharraf nach wie vor einen wichtigen Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus sehen.
  
Bhuttos Sprecher versichert zwar, die Gespräche mit Musharraf über eine Teilung der Macht seien gescheitert, doch aus Regierungskreisen war Gegenteiliges zu hören. "Die Kontakte sind noch aktiv und wir erwarten einen positiven Ausgang", verlautete aus Verhandlungskreisen. Präsident Musharraf sei "sehr geneigt, sie an Bord zu nehmen, um die Versöhnungsstrategie aufrechtzuerhalten".
  
Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Rasul Baksh Rais von der Universität Lahore versucht Bhutto auf "ungeschickte Weise" einen riskanten Spagat. "Sie ist immer noch in einer Wartestellung, sie hat noch nicht entschieden, auf welche Seite sie sich stellt."

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