Pakistan : Löcher in Mauer der Roten Moschee gesprengt

Der Kampf um die Rote Moschee in Islamabad eskaliert. Sicherheitskräfte sprengten Löcher in die Mauer des Gebäudes, das von radikalen Islamisten besetzt ist. Ein Militärkommandeur wurde bei Feuergefechten getötet.

IslamabadPakistanische Sicherheitskräfte haben Löcher in die Mauer der Roten Moschee in der Hauptstadt Islamabad gesprengt. Damit sollten den seit Tagen von radikalen Islamisten Festgehaltenen Fluchtwege eröffnet werden, berichtete der pakistanische Fernsehsender Geo TV am frühen Morgen unter Berufung auf die Sicherheitskräfte. Bereits am Freitagabend war durch zwei schwere Explosionen versucht worden, ein Loch in die Koranschule für junge Frauen zu sprengen. Durch die Löcher sollen sich die Sicherheitskräfte ein klareres Bild über die Vorgänge auf dem Gelände verschaffen können, berichtete der TV-Sender.

Zudem rückten die Soldaten in der Nacht zum Sonntag mit 15 gepanzerten Fahrzeugen weiter auf der Rückseite des Gebäudekomplexes vor. Die in dem Gotteshaus verschanzten Muslimextremisten und Sicherheitskräfte lieferten sich bis spät in die Nacht heftige Gefechte, hieß es auf der Internetseite von Geo TV.

Der Kommandeur des nächtlichen Einsatz der Sicherheitskräfte, Oberstleutnant Harun Islam, sei seinen bei den Gefechten erlittenen Verletzungen erlegen, meldete Geo TV.

Präsident Musharraf droht mit Tötung der Besetzer

Ultimativ hatte der pakistanische Präsident Pervez Musharraf die Besetzer der Roten Moschee zur Aufgabe aufgefordert. "Diejenigen, die sich in der Moschee verschanzt haben, sollten aufgeben, andernfalls werden sie getötet", sagte Musharraf am Samstag nach Angaben mehrerer Nachrichtensender. Die militanten Islamisten, die einen weltlichen Staat ablehnen und mit den Taliban im benachbarten Afghanistan sympathisieren, lehnen unterdessen eine Kapitulation weiter ab. Vielmehr wollten sie nach den Worten ihres Anführers, des radikalen Predigers Abdul Rashid Ghazi, bis zum Tode kämpfen. Nach dessen Worten hielten sich am Samstag immer noch 1800 Koranschüler auf dem Gelände auf.

Nach fünf Tagen Belagerung durch pakistanische Sicherheitskräfte hat der Anführer der Islamisten am Samstag Bedingungen für ein Einlenken genannt. Wenn die Armee ihren Einsatz für drei Wochen unterbreche, sei er bereit, sich den gegen ihn erhobenen Vorwürfen vor Gericht zu stellen, sagte der radikale Prediger Abdul Rashid Ghazi nach einem Bericht von Geo TV bei einem Telefonat mit dem Chef der regierenden Muslim-Liga, Chaudhry Shujaat. Ghazi hält sich seit Dienstag mit schwer bewaffneten Koranschülern in der Moschee auf.

"Lieber werden wir zu Märtyrern als uns zu ergeben"

"Der Einsatz der Sicherheitskräfte sollte für drei Wochen unterbrochen werden", zitierte Geo TV Ghazi, der auch stellvertretender Leiter einer Koranschule in der Nachbarschaft der Roten Moschee ist. "Und wenn es irgendwelche Anklagen gegen mich gibt, sollte ein Gericht in dieser Zeit darüber entscheiden." Bislang hatte der Prediger es strikt abgelehnt, sich den Behörden zu stellen. "Lieber werden wir zu Märtyrern als uns zu ergeben", hatte er dem Sender zuletzt am Freitag gesagt.

Ghazi wird von den pakistanischen Behörden einer ganzen Reihe von Vergehen bezichtigt, darunter der Entführung von angeblichen Prostituierten im Rahmen einer Kampagne zur Einführung eines islamischen Rechtssystems im Stile des afghanischen Taliban-Regimes.

Der Polizei gelang es am Samstagmorgen, ein nahe gelegenes Seminargebäude zu stürmen. Bei der Einnahme der Jamia Faridia wurden nach offiziellen Angaben rund 50 Koranschüler festgenommen. Das Seminargebäude für junge Männer liegt in rund vier Kilometern Entfernung von der Roten Moschee.

Frauen und Kinder als menschliche Schilde

Präsident Musharraf kündigte an, die Regierung werde ein Maximum an Zurückhaltung üben, um das Leben von Unschuldigen zu retten, die von den Militanten festgehalten würden. Es werde aber keine Kompromisse dabei geben, im gesamten Land den Frieden und die Rechtsordnung zu sichern. Nach Darstellung der Behörden sind unter den Kämpfern in der Moschee auch Mitglieder von Terrororganisationen, die Frauen und Kinder in dem Gotteshaus als menschliche Schilde missbrauchen.

"Wir werden das Märtyrertum akzeptieren, aber wir werden nicht aufgeben", sagte der stellvertretende Leiter der Koranschulen, Abdul Rashid Ghazi. Rund 450 Fundamentalisten hatten nach dem Freitagsgebet in der Roten Moschee nach Angaben des Senders Geo TV bereits ihre Testamente gemacht.

Koranschüler: Zahlreiche Tote auf Moscheegelände

Nach unbestätigten Angaben von Koranschülern sollen auf dem Moscheegelände zahlreiche Leichen liegen, die in der Hitze verwesen. Nach Ghazis Angaben, für die es keine Bestätigung gab, wurden allein am Samstag 70 Menschen bei dem Beschuss der Armee getötet.

Im Laufe des Samstags machte sich eine fünfköpfige Verhandlungsdelegation auf den Weg, mit Ghazi über eine Aufgabe zu sprechen. Die Delegation, zu der Abgeordnete und religiöse Führer zählten, brach allerdings ihren Versuch ab, nachdem innerhalb kurzer Zeit elf starke Explosionen in der Umgebung der Moschee zu hören waren. (mit dpa/AFP)

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