Pakistan : Mit dem Terror Kasse machen

Pakistan kann sich Offensiven gegen die Taliban kaum leisten. Doch solange es sie gibt, fließt viel westliches Geld in das arme Land.

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]
Mehsud
Die Gruppe um Mehsud führt Krieg auch gegen Islamabad - das stört. -Foto: dpa

Lange hatte Pakistans Armee gezögert, nun raffte sie sich zu einer Bodenoffensive in Süd-Wasiristan, der Hochburg der Taliban, auf. Ihr blieb kaum noch etwas anderes übrig, so dreist hatten die Extremisten Staat und Militär herausgefordert. In knapp zwei Wochen starben 160 Menschen, kaum ein Tag verging ohne neues Blutbad. Ziel der Attacken waren zwar auch Zivilisten, aber vor allem Polizei und Sicherheitskräfte

Die Terrorserie offenbart zwei alarmierende Entwicklungen: Zum einen brechen die Gotteskrieger aus ihren alten Revieren in den afghanischen Grenzprovinen aus und schlagen zusehends im Pandschab, der letzten sicheren Machtbastion des Staates, zu. Zum anderen scheinen sie immer enger mit Al Qaida und Profi-Terrorgruppen zusammenzuarbeiten und ein landesweites Netz zu spinnen.

Der südasiatische Atomstaat steht am Scheideweg. Sein mächtiger Geheimdienst ISI hatte mit dem CIA einst die Gotteskrieger erschaffen, um sie gegen die Russen in Afghanistan zu hetzen. Nun wird man die Geister, die man rief, nicht mehr los. Teile der Talibangruppen scheinen außer Kontrolle zu sein. Der Konflikt erscheint immer mehr als Machtprobe zwischen ihnen und ihren alten Ziehvätern im Militär. Der tollkühne Angriff auf das Militär-Hauptquartier in Rawalpindi vor gut einer Woche, als die Extremisten dort sogar Geiseln nahmen, war eine grandiose Demütigung der Armee, die nun mit Offensive in Süd-Wasiristan antwortet. Dort sitzt der Talibanverband TTP und sein neuer Führer Hakimullah Mehsud, aber auch Al Qaida. Damit folgen die Streitkräfte den Direktiven der USA, die jenseits der Grenze in Afghanistan kämpfen und die Taliban so in die Zange nehmen wollen.

Das Verhältnis von Pakistans Militär zu den Taliban ist bis heute ein ambivalentes. Einerseits sieht die Armeespitze, dass die Gotteskrieger auch ihre eigene Macht gefährden. Andererseits werden sie immer noch als nützliche Kettenhunde angesehen. Pakistans Führung scheint die Aufständischen nach guten und bösen Taliban zu unterscheiden: Gute Taliban sind jene, die nur in Afghanistan kämpfen. Böse sind diejenigen, die wie Hakimullah Mehsud und seine TTP auch in Pakistan Terror säen. Selbst die USA denken inzwischen laut über das Undenkbare nach: Nämlich mit den afghanischen Taliban zu verhandeln, um Ruhe am Hindukusch zu schaffen.

Pakistan kann es sich nicht leisten, sich völlig mit den Taliban zu überwerfen und so Einfluss in Afghanistan preiszugeben. Zudem sind die Taliban die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Der Kampf gegen den Terror garantiert dem bitterarmen Land riesige Finanzhilfen aus dem Westen, der fürchtet, dass die Atomwaffen in die Hände der Extremisten geraten könnten. Würde Pakistan den Taliban den Garaus machen, könnte der Geldfluss schnell versiegen. Auch die jüngste Anschlagsserie ereignete sich just, als in den USA ein milliardenschweres Hilfspaket zur Billigung anstand.

Ob Pakistan die Taliban nun ernsthaft angeht oder es bei einem halbherzigen Feldzug belässt, bleibt abzuwarten. Zwar hatte das Militär im Sommer schon im Swat-Tal die Aufständischen gejagt, aber der Erfolg ist unklar. Auch eine andere Frage wird gerne ausgeklammert: Kann Pakistans Militär, das auf den konventionellen Krieg gegen Indien getrimmt ist, einen Guerilla-Kampf gewinnen? Das ist keineswegs ausgemacht. Bei einer ersten Militäroperation in Süd-Wasiristan 2004 hatte die Armee schwere Verluste erlitten. Auch diesmal könnte sie sich schnell eine blutige Nase holen.

Zunächst leidet freilich die Zivilbevölkerung unter den Kämpfen. Nach Angaben der Armee sind mehr als 100 000 Zivilisten deswegen jetzt auf der Flucht. Sie seien in den angrenzenden Bezirken Tank und Dera Ismail Khan untergekommen, sagte Oberst Waseem Shahid der Nachrichtenagentur AFP. Etwa 80 000 Menschen seien bereits in Erwartung der seit dem Sommer angekündigten Offensive geflohen. Mit dem Beginn des Militäreinsatzes hätten rund 22 000 weitere Zivilisten die Flucht ergriffen. Die pakistanischen Behörden befürchten, dass die Zahl der Flüchtlinge trotz der über Teile Süd-Wasiristans verhängten Ausgangssperre in den kommenden Tagen auf 200 000 steigen könnte. In Süd-Wasiristan leben rund 600 000 Menschen. die meisten sind wie die Taliban Paschtunen. Sie gelten als konservativ und feindselig gegenüber fremden Besatzern, zu denen sie auch die Armee zählen.„Fast jede Familie hier hat Verbindungen zu den Taliban“, sagte ein Beobachter.

In den ersten 24 Stunden der Großoffensive der pakistanischen Bodentruppen in Süd-Wasiristan hat die Armee nach eigenen Angaben 60 mutmaßliche Taliban-Kämpfer getötet. Pakistan hat seit Samstag 25 000 Soldaten, Paramilitärs und Polizisten, dazu Kampfflugzeuge und Artillerie in die teilautonome Region im Nordwesten geschickt. mit AFP

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