Pakistan : Unzählige Menschen fliehen vor den Kämpfen

Pakistans Armee bekämpft die Taliban im Swat-Tal. Millionen Menschen sind mittelerweile auf der Flucht - viele suchen Unterschlupf in den Flüchtlingslagern. Erhard Bauer organisiert die Hilfe für das Deutsche Rote Kreuz im Kampfgebiet. Er spricht über die dramatische Lage der Flüchtlinge.

Interview von Hauke Friederichs
Pakistan
Flüchtlinge holen sich Wasser an einem Tank. -Foto: dpa

Herr Bauer, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen beschreibt die Situation im Norden Pakistans als katastrophal. Was erleben Sie als Helfer vor Ort?

Die Lage ist dramatisch. Seit August vergangenen Jahres gibt es im Norden Pakistans Flüchtlingslager, dort lebten bereits vor dem Beginn der Militäroffensive im April rund 500.000 Menschen. Nun kommen täglich Tausende dazu.

Wie viele Bewohner des Swat-Tals sind vor den Kämpfen zwischen Taliban und Regierungstruppen geflohen?

Mindesten 300.000 Menschen sind bereits in den Lagern angekommen und viele Tausende Flüchtlinge sitzen im Kampfgebiet fest. Die Armee hat eine Ausgangssperre verhängt, die Straßen dürfen von Zivilisten nicht benutzt werden. Prognosen gehen davon aus, dass die Flüchtlingszahl in den kommenden Tagen auf mehr als 1,5 Millionen steigen wird. Ich rechne damit, dass die Kämpfe weitergehen.

Gibt es denn genügend Auffanglager für eine solch große Zahl?

Die meisten Flüchtlinge ziehen zunächst bei Verwandten und Bekannten ein. Die Auffanglager werden dort errichtet, wo freie Flächen vorhanden sind. Die Menschen leben bei mehr als 30 Grad in Zelten, ohne fließendes Wasser und Strom. Die meisten versuchen deswegen, in den Häusern von Familienangehörigen unterzukommen. In manchen Dörfern leben in jedem Zimmer vier bis zehn Menschen. Noch haben wir Kapazitäten – die freien Plätze werden in den kommenden Tagen dringend gebraucht.

Wie geht es den Zivilisten im Kampfgebiet?

Wir bekommen wenige verlässliche Informationen, Journalisten dürfen nicht in die umkämpfte Region reisen und Ausländer nicht mal mehr die angrenzenden Distrikte besuchen. Wir wissen, dass die Armee vor allem Kampfflugzeuge und Artillerie einsetzt. Das Kampfgebiet ist gebirgig, es bietet viele Rückzugsmöglichkeiten für die Talibankämpfer. Die Offensive der Armee wird nicht in Tagen, eher in Monaten abgeschlossen sein. Es werden sicherlich mehr Menschen aus dem Gebiet fliehen.

Wenn Ausländer nicht in das Gebiet reisen dürfen, was können sie für die Flüchtlinge tun?

Die einheimischen Mitarbeiter vom Roten Halbmond, der Partnerorganisation des Roten Kreuzes, kommen nah an das Kampfgebiet heran. Sie bauen zum Beispiel südlich vom Swat-Tal Zeltlager auf.

Deutsche Journalisten berichten über eine zunehmende Talibanisierung der pakistanischen Bevölkerung. Was beobachten Sie?

Diesen Begriff schätze ich nicht sehr. Was sollen die Menschen machen, die in einem Gebiet leben, in dem Extremisten das Sagen haben? Der Bevölkerung bleibt nichts anderes übrig, als sich anzupassen, sich ins Private zurückzuziehen. Es stimmt allerdings, dass es eine Hinwendung von jungen Männern zu Fundamentalisten gibt. Das liegt aber auch an den Fehlern der Zentralregierung.

Die Menschen lehnen die Politiker in der fernen Hauptstadt Islamabad ab und schätzen deswegen die Radikalen vor Ort?

Das ist zu einfach. Viele hassen die Zentralregierung und Extremisten gleichermaßen. Die Taliban erhalten Zulauf von jungen Leuten, die auf diesen Weg gegen die sozialen Missstände im Land kämpfen wollen.

Die Taliban haben in Afghanistan immer wieder Hilfsorganisationen aus dem Westen angegriffen. Wie sicher sind die von den Fundamentalisten beherrschten Gebiete in Pakistan für das Rote Kreuz?

Ich war von 1996 bis 2004 für das Rote Kreuz in Afghanistan tätig. Ich kenne die Region gut. Seit dem Einmarsch der Alliierten galten alle westlichen Helfer bei den Taliban zunächst als Gegner. Doch wir ergreifen nie Partei für eine Seite. Das Internationale Rote Kreuz bleibt stets neutral. Wir reden auch in Pakistan mit beiden Kriegsparteien und erreichen so, dass wir den Flüchtlingen helfen können.

Pakistan gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Immer wieder gibt es Anschläge auf westliche Ausländer. Wie groß ist das Risiko für Sie?

Aufpassen müssen wir schon. Wir können uns nicht wie Touristen verhalten, nicht einfach in ein Taxi steigen und irgendwo hinfahren. Es gibt ein Sicherheitsnetz um uns herum, wir werden vor gefährlichen Routen und vor möglichen Anschlagsorten gewarnt und wissen immer, wo die Kollegen unterwegs sind. Zu unserer Arbeit gehört aber auch das gewisse Quäntchen Glück: Wir dürfen einfach nicht zur falschen Zeit am falschen Ort sein. (ZEIT ONLINE)

Dr. Erhard Bauer leitet das Büro des Deutschen Roten Kreuzes in Pakistan. Der 51-Jährige hat für das DRK jahrelang die Hilfe in Afghanistan koordiniert.

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