Politik : Palästina, Peres und Panzer

09.12.2001 00:00 UhrVon Dorothea Heintze

Die Nachrichten sind grauenvoll: In einen Schulbus mit Kindern rast ein Selbstmordattentäter, ein kleines Baby wird gezielt mit Kopfschuss ermordet, zwei Jungen, die sich verlaufen haben, werden brutal massakriert. Beispiele für die Attentate palästinensischer Terroristen auf jüdische Siedler aus den letzten Jahren. Ähnlich gnadenlos wie die Palästinenser agieren die israelischen Soldaten. Der Verdacht auf Kollaboration mit der Hamas reicht aus - schon werden Häuser mit Panzern niedergewalzt, Familien mit kleinen Kindern obdachlos, Verhaftete gefoltert.

Gibt es eine Erklärung für so viel Grausamkeit? Eigentlich nicht, und wenn überhaupt, dann kann sie nur in der Geschichte zu suchen sein.

Diese Überzeugung muss auch die Autoren des "Nahostlexikons" angetrieben haben. Akribisch untersuchen sie den Konflikt zwischen Israel und Palästina auf seine Ursachen hin. Keine Monografie legen sie vor, sondern ein Lexikon, alphabetisch geordnet. Judentum folgt auf Jordanien, Peres auf Panislamismus, Christentum auf Camp David.

Wer ein wenig verstehen will, warum es in dieser Region so schwierig ist, in Frieden zu leben, bekommt hier das wichtigste Hilfsinstrument an die Hand: Wissen. Ein Beispiel von vielen - das Stichwort "Siedlungen": "Jüdische Enklaven in den besetzten Gebieten des Westjordanlandes, Ostjerusalems, des Gazastreifens und der Golanhöhen", steht dort als erster erklärender Satz. Gut, das wissen viele auch ohne Lexikon. Doch wie groß ist der Gazastreifen? An welches Land grenzen die Golanhöhen? Kein Problem, fast alle Stichworte sind miteinander verknüpft. Seinen besonderen Reiz entwickelt das Nachschlagewerk, wenn es über die reine Information hinaus Hintergründe erklärt. Wie beispielsweise beim Stichwort "Klientelismus". Geschäft und Gegengeschäft, Vorherrschaft der Familien, politische Gefolgschaft im Austausch gegen wirtschaftliche Versorgung: Viele Staaten im Nahen Osten funktionieren nach einem gesellschaftlichen Wertesystem, das dem Leser aus einem westlichen Land fremd ist. Gerade da helfen die kurzen und pragmatischen Erklärungen weiter.

Ist so ein Lexikon unparteiisch? Womöglich schon von der Struktur her sachlicher als eine Monografie? Das Vorwort des palästinensischen Delegierten in Deutschland, Abdallah Frangi, verweist auf eine eher palästinensisch-islamische Sicht der Dinge. Die Herausgeber Gernot Rotter und Schirin Fatih sind Islamwissenschaftler an der Universität Hamburg. Doch Rotter, einer der profiliertesten deutschen Kenner des Nahen Ostens, weiß um seine Rolle als Vermittler und bemüht sich um größtmögliche Objektivität.

Der Anspruch der umfassenden Information wird durch den ausführlichen Anhang unterstützt, der Karten, eine Bibliografie, eine Zeittafel und einen umfangreichen Internetguide enthält. Die Ereignisse vom 11. September konnten nicht mehr berücksichtigt werden. Doch eine Aktualisierung ist in Arbeit, im Frühjahr soll zudem eine CD-Rom zum Buch erscheinen.

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