Politik : Palästinenser an der Spitze der Lutheraner Ihr Weltbund wählt Munib Younan zum Chef

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Stuttgart - Am Anfang stand eine Tasse heißer Schokolade. Das Flüchtlingskind Munib Younan erhielt sie in den 1950er Jahren in Ostjerusalem. Das Getränk stammte vom Lutherischen Weltbund, von dessen Hilfe die Familie abhängig war. Heute ist es Younan selbst, der sich dafür einsetzt, dass Flüchtlinge überall auf der Welt Hilfsgüter erhalten: Der Bischof der nur 3 000 Gemeindeglieder zählenden Evangelisch-Lutherischen Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land wurde gestern von der in Stuttgart tagenden Vollversammlung des Weltbunds zum Präsidenten gewählt. Ab kommendem Dienstag steht der kleine Mann mit der kräftigen Stimme an der Spitze der Vereinigung von 145 lutherischen Kirchen mit 70 Millionen Gemeindegliedern.

„Als ich unter Juden und Muslimen in Jerusalem aufwuchs, habe ich die gemeinsamen Werte des Friedens, der Gerechtigkeit und der gegenseitigen Unterstützung schätzen gelernt“, sagte Younan. Er sieht seine Wahl vor allem als Signal an die Christen in Palästina, die in den letzten Jahrzehnten ihre Heimat in Scharen verlassen haben. „Meine Wahl wird Minderheitenkirchen in Ländern mit anderen religiösen Mehrheiten ermutigen und den arabischen Christen neue Hoffnung bringen.“ Doch für den Lutherischen Weltbund könnte sich die Kür des Palästinensers, der bis heute einen Flüchtlingsausweis der Vereinten Nationen besitzt, zu einem Politikum entwickeln. Denn im Nahost-Konflikt hat er sich als Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967 eindeutig positioniert. Und die israelische Besetzung bezeichnet er als „Sünde vor Gott und den Menschen“.

Innerhalb des Luthertums wird Younan hingegen vor allem die Aufgaben eines Vermittlers wahrnehmen müssen. Denn auch während der Vollversammlung in Stuttgart wurde deutlich, dass sich die liberaleren Kirchen Europas und Nordamerikas immer stärker von den konservativeren Kirchen Afrikas entfernen. Während in Schweden eine offen lesbische Bischöfin amtiert, nennen afrikanische Theologen wie der tansanische Bischof Elisa Bubewa Homosexualität Sünde. Bubewa warnte in Stuttgart vor Schnellschüssen. „Es ist wichtig, dass wir gemeinsam voranschreiten.“ Die afrikanischen Kirchen hätten ihren Beratungsprozess noch längst nicht abgeschlossen.

Doch auch die Finanzen machen dem Weltbund schwer zu schaffen: In Stuttgart warnte Schatzmeister Peter Stoll vor einem „strukturellen Defizit“ im 100 Millionen-Dollar-Haushalt. Das Geld geht vor allem an Entwicklungsprojekte. Ökumenisch dagegen ist ein wichtiger Fortschritt erreicht: Am Donnerstag feierten die Lutheraner einen Bußgottesdienst mit Vertretern der Mennoniten, den Nachfahren der Wiedertäufer der Reformationszeit. Weil Martin Luther und Phillipp Melanchthon ihre Schriften verdammten, waren sie jahrhundertelangen Verfolgungen ausgesetzt, Tausende starben auf dem Scheiterhaufen. Knapp 500 Jahre später baten die Lutheraner nun um Entschuldigung.Benjamin Lassiwe

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