Palästinenser : Hamas nimmt Fatah-Hauptquartier ein

Die Hamas hat den Norden des Gazastreifens zu einem "militärischen Sperrgebiet" erklärt und eine Fatah-Zentrale erobert. Jetzt drohen die Al-Aksa-Brigaden mit einer Ausweitung der Kämpfe auf das Westjordanland.

Hamas
Kämpfer der Hamas eroberten ein Hauptquartier der Fatha.Foto: AFP

Tel AvivDer neu aufgeflammte blutige Machtkampf zwischen den Palästinensergruppen Hamas und Fatah droht im Gazastreifen in einen Bürgerkrieg auszuarten. Am Abend eroberten Kämpfer der radikal-islamischen Hamas ein Hauptquartier der Sicherheitskräfte der rivalisierenden Palästinenserorganisation Fatah. Hamas-Milizen hätten das Areal nahe dem Flüchtlingslager Dschabalia im Norden des Gazastreifens völlig unter Kontrolle, teilten Hamas und Sicherheitskräfte mit. Bei mehrstündigen schweren Gefechten wurden nach Angaben von Ärzten mindestens 21 Menschen getötet. Zuvor waren binnen 24 Stunden bereits mindestens 19 Menschen ums Leben gekommen. Präsident Mahmud Abbas (Fatah) rief zu einer sofortigen Waffenruhe zwischen beiden Gruppierungen auf. Fatah drohte angesichts der Kämpfe mit einem Ausscheiden aus der großen Koalition mit Hamas.

 Zuvor hatten Hamas-Milizionäre gewaltsam die Kontrolle über die Stadt Chan Junis im Süden des Gazastreifens übernommen und dort Polizeistationen besetzt. Mehr als 90 Mitglieder der Präsidialgarde von Abbas und der von der Fatah kontrollierten Polizei hätten sich ergeben, verlautete aus Polizeikreisen. Auch im Norden des Gazastreifens forderten Hamas-Milizionäre die Fatah-Polizeitruppe zur Aufgabe auf. In zwei Erklärungen verlangte die Hamas, die Polizisten sollten ihre Stationen und Posten verlassen und in ihren Wohnungen bleiben. Die Hamas erklärte den Norden des Gazastreifens zu einem "militärischen Sperrgebiet" unter Kontrol

le ihrer Kassam-Miliz.

Granate auf das Haus des Ministerpräsidenten

Unter den Getöteten war ein Neffe des Hamas-Führers Abdel Asis Rantisi, der im April 2004 von der israelischen Armee gezielt getötet worden war. In Deir al-Balach im zentralen Gazastreifen wurde zudem ein Mitglied der Fatah-Polizei erschossen, ein militantes Mitglied der Fatah kam bei Kämpfen um das Haus des Fatah-Sprechers Maher Magdad in Gaza ums Leben.

Am Morgen hatten bewaffnete Männer eine Mörsergranate auf das Haus des palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija (Hamas) in Gaza abgefeuert. Das Geschoss habe erheblichen Sachschaden angerichtet, jedoch niemanden verletzt, hieß es. Neben dem Präsidentengebäude von Abbas schlugen vier von Hamas-Aktivisten abgefeuerte Mörsergranaten ein. An einem der Brennpunkte der Gewalt im Nordosten der Stadt standen am Morgen acht Gebäude in Flammen.

Einstellung der "beschämenden Kämpfe" gefordert

Der Chef einer ägyptischen Vermittlerdelegation, General Burhan Hamad, forderte die beiden Gruppierungen zu einer sofortigen Einstellung der "beschämenden Kämpfe" auf. Andernfalls werde er die palästinensische Bevölkerung gegen sie mobilisieren. Für Dienstagmittag geplante Vermittlungsgespräche unter Teilnahme beider Seiten in seinem Büro konnten angesichts der schweren Kämpfe nicht stattfinden.

Der militante Fatah-Arm Al-Aksa-Brigaden drohte mit einer Ausweitung der Kämpfe auf das Westjordanland. Man werde dort Hamas-Repräsentanten töten, sollte die radikal-islamische Hamas ihre Angriffe im Gazastreifen nicht einstellen. Das Fatah-Zentralkomitee in Ramallah warf "einer Gruppierung innerhalb der Hamas" vor, einen Putsch gegen die Palästinensische Autonomiebehörde und ihre Polizeitruppe zu betreiben.

Am Montagabend hatten Hamas-Kämpfer unter anderem den Fatah-Generalsekretär im nördlichen Gazastreifen, Dschamal Abu al- Dschidian, mit mehr als 40 Schüssen getötet. Er ist das bislang ranghöchste Opfer in der jüngsten Runde der innerpalästinensischen Kämpfe. Aus Rache für den Tod Al-Dschidians töteten Fatah-Kämpfer einen zuvor als Geisel genommenen Angehörigen der Hamas-Polizeimiliz. Daraufhin erschossen Hamas-Kämpfer auch den kurz zuvor verschleppten Bruder Al-Dschidians. Unter den 16 am Montag getöteten Menschen waren auch mehrere Frauen, Kinder und alte Leute.

Fatah-Sprecher Ahmed Abdelrahman machte für die Gewaltwelle unterdessen eine "niederträchtige Gruppe innerhalb der Hamas-Führung" verantwortlich. Beide Organisationen bezichtigten sich gegenseitig, einen "Putsch" vorzubereiten und einen Bürgerkrieg in den Palästinensergebieten anzuzetteln. Abbas' Büro erklärte, alles deute darauf hin, dass die politische und militärische Leitung der Hamas versuche, den Gazastreifen gewaltsam unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Führung der Hamas wolle das Land "in einen entsetzlichen Bürgerkrieg" stürzen. Abbas rief die Konfliktparteien auf, sich umgehend auf einen Waffenstillstand zu einigen und
"ernsthafte Verhandlungen" einzugehen. (mit dpa und AFP)

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