Politik : Palaver statt Pulverdampf

Daniel Koerfer

Der Mann ist schwer zu fassen. Daniel Cohn-Bendit, der Volkstribun, Erzieher ohne Examen, Buchhändler, Zeitungs- und Filmemacher, Radio- und TV-Moderator, Kommunal- und Weltpolitiker, deutsch-französischer Europaabgeordneter. Cohn-Bendit, der Sohn jüdischer, aus Deutschland vertriebener Eltern, 1945 zwischen Krieg und Frieden geboren, zunächst staatenlos in Frankreich, dann in Deutschland aufgewachsen. Als Kind früh lebhaft, schwatzhaft, vorlaut, voller Sommersprossen, roter Mähne - ein kleiner Rebell, der sich erfolgreich der Beschneidung widersetzt.

Rebell wird er bleiben, sich so einen Namen machen, zunächst vor allem in Frankreich, dabei den Genüssen des Lebens keineswegs abhold. K-Gruppen und Kaviar - für ihn kein Widerspruch. Im berühmten Mai 68 schlägt seine Stunde. Der unbekannte Soziologiestudent aus Nanterre wird zu "Dany le Rouge", zum von Sartre hofierten "anarchiste allemand". Er steht an der Spitze der Demonstrationszüge, stürzt das vom Generalstreik gelähmte Frankreich in eine Staatskrise. Präsident de Gaulle verlässt in Panik das Land, sucht insgeheim Schutz bei einem seiner Generäle - in Deutschland. Rauschhafte Stunden der Euphorie in Paris, drei Leibwächter aus der Halbwelt begleiten Cohn-Bendit. Aber es ist eine merkwürdig ungeordnete Revolte, wie er sich erinnert: "Plötzlich gab es zehn Barrikaden hintereinander. Militärisch hatte das überhaupt keinen Sinn, aber alle hatten einfach Lust, Barrikaden zu bauen." Er genießt die Rolle des Triumphators, ruft auf zum Sturz des "Regimes", erklärt später: "Die französische Trikolore ist dazu da, zerrissen und in eine rote Fahne verwandelt zu werden."

Doch nach De Gaulles Rückkehr schlägt das Imperium zurück: Entzug der Aufenthaltsgenehmigung, Einreiseverbot. Zehn Jahre wird er sich nicht legal in Frankreich aufhalten können. "Cohn-Bendit nach Dachau" haben ihm die regierungstreuen Gegendemonstranten zum Abschied hinterhergerufen. Seine Genossen waren wohl froh, ihn loszuwerden. Wollten sie ihm doch längst klarmachen, "dass ich nicht Brigitte Bardot bin. Das war inzwischen notwendig!"

Antimilitarismus, Antitotalitarismus, aber auch linken Antikommunismus (jedenfalls was den Staatssozialismus sowjetischer Prägung anlangt) hat er im Gepäck, als er 1970 seine Zelte im Frankfurter Nordend aufschlägt, dort sein Alter Ego trifft: Joschka Fischer. Es ist die Zeit der Hausbesetzungen, der Straßenschlachten, der Frankfurter "Spontiszene" mit ihren Wohngemeinschaften: "Dany geht morgens durch die Zimmer, nackt, und begrüßt alle mit Küsschen."

Es ist auch die bleierne Zeit der RAF. Aber deren Weg lehnt Cohn-Bendit ab: "Für mich waren das vom Habitus, vom Verhalten, vom Denken her totalitäre Menschen." Auch mit Fischers "Putzgruppe", mit Motorradhelmen und schwarzer Ledermontur hat Cohn-Bendit nichts am Hut. Sein Medium ist das Wort. Palaver statt Pulverdampf lautet stets das Motto dieses Spontifex Maximus, der für die alternative Bewegung beides zugleich sein will: Hohepriester und Narr - mit eigener Zeitung, dem "Pflasterstrand". Zunächst votiert er weiter für Rätemodelle, für außerparlamentarische Opposition und Aktion, will Politiker und deren Spielregeln lächerlich machen - Hans Dampf in der politischen Sackgasse.

Mit Weichzeichner

Doch sein Weg und, eng daran gekoppelt, auch der Weg Joschka Fischers führt hinein in die politisch-parlamentarischen Institutionen. "Joschka war dagegen, dass man zu den Grünen geht", erinnert sich Cohn-Bendit. Er stimmt ihn um. Sie werden beide Anfang der achtziger Jahre Mitglieder, werden im erbitterten Kampf zwischen Fundamentalisten und Realos rasch führende Exponenten für ein Zusammengehen mit der SPD - angefeindet, mit Eiern und Farbbeuteln beworfen von den eigenen Leuten.

Bereits 1990 befürwortet Cohn-Bendit, mittlerweile ehrenamtlicher Frankfurter Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten, eine Ampelkoalition in Bonn, hält drei Jahre später schon einen grünen Außenminister für möglich. Lange vor Fischer fordert er 1991 als einer der ersten prominenten Grünen entschieden ein militärisches Eingreifen von USA, Nato, Uno auf dem Balkan, fordert die uneingeschränkte deutsche Beteiligung an militärischen Aktionen. Den Boden für die Regierungsbeteiligung der Grünen hat er damit maßgeblich mit bereitet, zugleich zu Positionen gefunden, die ihm selbst Jahre zuvor kaum denkbar erschienen wären.

Die in Paris lebende Journalistin Sabine Stamer hat diesen biografischen Wandlungsprozess eines schillernden Außenseiters in einzelnen Momentaufnahmen festgehalten, bisweilen allerdings zu viel Weichzeichner, zuwenig analytisches Licht eingesetzt, die Schattenseiten ihres "Helden", seine Egomanie, seinen Narzissmus, manch krasse Fehleinschätzung, Torheit, Verrücktheit gerade der frühen Jahre fast ausgeblendet. Dennoch liest man ihre Skizze mit Gewinn und nicht zuletzt Amüsement. Am Ende verrät der überzeugte Europäer Cohn-Bendit ihr und uns sein biografisches Fernziel: "President of the United States of Europe". Man darf gespannt sein.

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