Pan-Am-Attentat : Die Akte Lockerbie ist geschlossen

Abdel al-Megrahi ist begnadigt und zurück in seiner libyschen Heimat. Der Westen zieht endgültig einen Schlusstrich unter den Terrorakt, die Wahrheit interessiert nicht.

Jürgen Krönig

Jim Swire, Sprecher der Gruppe der Angehörigen, hat den Satz nie vergessen, den ein Mitglied der "Presidents Comission" für Luftfahrtsicherheit  und Terrorismus nach einem Treffen mit Lockerbieangehörigen in London eher beiläufig fallen ließ: Unsere Regierungen wissen, was in Lockerbie geschah, doch sie werden niemals die Wahrheit enthüllen.

Das war Anfang 1990. Jetzt, 19 Jahre später, spricht vieles dafür, dass der größte Massenmord der britischen Geschichte, verübt am 21. Dezember 1988, niemals aufgeklärt werden wird. Und trotz der Zweifel an der offiziellen Version, wonach der Libyer al-Megrahi für die Bombenexplosion an Bord des Pan Am Fluges 103 über dem schottischen Städtchen Lockerbie verantwortlich ist.

Auslöser ist die Entscheidung der schottischen Regierung, den todkranken Libyer, der 2001 zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, aus humanitären Gründen aus dem Gefängnis zu entlassen. Die Begnadigung, die auch die Regierung in London billigt, hat einen angenehmen Nebeneffekt, den man in den westlichen Hauptstädten begrüßen dürfte: Der Prozess um das Attentat wird nicht wieder aufgerollt, das Berufungsverfahren wurde durch Schottlands humanitäre Geste verhindert. Darüber ist der Westen durchaus erleichtert. Das gilt im Übrigen auch für Washington, obwohl sich Obama und Hillary Clinton der Empörung amerikanischer Angehöriger von Lockerbie-Opfern angeschlossen haben.

Der Fall Lockerbie wird also nicht wieder aufgerollt. Es werden keine weiteren heiklen Fragen gestellt werden, die offizielle Version der tragischen Ereignisse kann juristisch nicht mehr überprüft werden. So gilt also noch immer, dass niemand anderes als Libyen für den Terrorakt verantwortlich ist.

In Wahrheit aber ist dies die unwahrscheinlichste Erklärung, auf die man sich in den Hauptstädten des Westens erst spät festlegte. Bis Mitte 1990 waren sich alle, ob FBI, CIA, britischer Geheimdienst, schottische Polizei und Bundeskriminalamt, einig über Täter und Hintermänner: Alle Spuren führten nach Damaskus und Teheran.

Iran besaß das Motiv: Ein amerikanisches Kriegsschiff hatte 1988 versehentlich ein iranisches Passagierflugzeug mit 298 Mekka-Pilgern an Bord über dem Golf von Persien abgeschossen. Teheran trachtete nach Vergeltung. Ausgeführt wurde der Racheakt von der "Volksfront für die Befreiung Palästinas, Generalkommando", unter Führung von Ahmed Jibrils. Wie die CIA herausfand, soll ein Honorar von 10 Millionen Dollar auf ein Konto Jibrils bei der BCCI in Wien eingegangen sein.

Wenige Monate vor Lockerbie wurde eine 16 Mann starke Zelle der Terrororganisation in Deutschland verhaftet; bei der Razzia entdeckte die Polizei etliche Zeitzünderbomben, versteckt in Kassettenrekordern. Wenige Wochen vor Lockerbie ließ das Bundeskriminalamt die meisten der Terroristen aber wieder frei. Die Gründe dafür sind unbekannt.

Doch der abrupte Kurswechsel dürfte auf die veränderte geostrategische Interessenlage des Westens zurückgegangen sein. Ende 1990 waren die USA und Großbritannien dabei, eine Allianz gegen Saddam Hussein zu schmieden, unter Einschluss Syriens. Auch brauchte man Teheran und Damaskus, um westliche Geiseln im Libanon frei zu bekommen. Libyen unter Oberst Gaddafi war da der ideale Sündenbock, ohne Freunde, isoliert selbst in der arabischen Welt.

Hinzu kommen andere Gründe, um den wahren Ablauf der Ereignisse nicht zu enthüllen. Über Frankfurt liefen offenbar verdeckte Drogenoperationen der US-amerikanischen Drug Enforcement Agency. Laut Time Magazin habe es sich dabei um eine Gegenleistung gehandelt für die Befreiung westlicher Geiseln, die von Ahmed Jibril allerdings unterlaufen und dazu benutzt worden sei, um einen Sprengsatz an Bord zu schmuggeln. In den Trümmern des Pan-Am-Jets fand man große Mengen von Drogen und Geld. Niemand weiß, was in den Papieren stand, nach denen CIA- und FBI-Agenten in Lockerbie fieberhaft suchten und sie schließlich vom Tatort wegbrachten.

Bezeichnend war es, dass der schottische Juraprofessor Robert Black, der jahrelang in die internationalen Verhandlungen involviert war, um Libyen zur Auslieferung der ursprünglich zwei Geheimdienstler zu bewegen, dringend von dem Prozess im Jahre 2000 abriet, der mit dem Schuldspruch für al-Megrahi endete: Als Staatsanwalt hätte er die Prozessakte mit dem Vermerk, “kein Strafvollzug möglich”, versehen, die Beweise seien viel zu dünn, die Zeugen der Anklage fragwürdig.

Zentraler Beweispunkt der Anklage war der Zünder der Kassettenrekorder-Bombe. Er sei, hieß es während des Prozess, von einer Schweizer Spezialfirma an Libyen verkauft worden. Mittlerweile weiß man nicht nur, dass die über Lockerbie verwendeten Fragmente von einem anderen Zeitzündertyp stammen. Die inkriminierten Zünder gingen unter anderem an die Stasi der DDR, der enge Kontakte zur palästinensischen Terrorszene unterhielt.

Doch nun wird die Akte Lockerbie geschlossen, es sei denn, Großbritannien gibt der Forderung nach einer öffentlichen Untersuchung nach. Doch das ist unwahrscheinlich, wie sehr die Angehörigen der Opfer auch danach verlangen mögen. Der explosive Hintergrund dieses Terroraktes bleibt verborgen.

Quelle: ZEIT ONLINE 22.8.2009

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben