Politik : Panikverkauf

Markus Feldenkirchen

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Das waren noch Zeiten, damals vor 30 Jahren, als Satire noch Satire und nicht bereits von der Realität eingeholt war, als es noch „Willy wählen“ statt „Schröder wählen“ hieß und die Besitzverhältnisse noch so waren wie sie sein sollten: geordnet. Damals also, im Jahr 1972, warnte der politische Künstler Klaus Staeck auf einem Plakat die deutsche Arbeiterschaft vor einem Wahlsieg der Sozialdemokraten. „Deutsche Arbeiter! Die SPD will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen“, hatte Staeck in altdeutscher Schrift im Stile der aggressiven Parteienwerbung der Weimarer Republik drucken lassen. Das war natürlich ironisch gemeint. Der deutsche Arbeiter hauste damals noch brav mit Kind und Kegelbrüdern in seiner Dreizimmer-Mietshauswohnung; wenn’s ging mit Balkon, wenn’s nicht ging, halt ohne Balkon. Die Toskana-Fraktion war noch nicht gegründet, die Neue Mitte führte noch ein Randdasein. Die Welt war übersichtlich.

Zurück in die Zukunft. Da blätterten wir diese Woche wie jeden Morgen genüsslich rückwärts durch den „Vorwärts“, durch jenes SPD-Parteiblatt, das es fast schon länger gibt als die Arbeiterbewegung selbst. Wir lasen spannende Berichte, nach deren Lektüre sich irgendwie der Eindruck einstellte, dass die SPD doch eine tolle Regierungspartei ist, und blieben irgendwann auf Seite 18, der Seite mit dem „Anzeigenmarkt“ hängen, Rubrik „Verkauf“.

Dort, im Zentralorgan der deutschen SPD-Arbeiterschaft, lesen wir: „Genosse verkauft privat, Costa-Blanca, Villa im Kolonialstil, neuwertig, gehobene Ausstattung, ruhige bevorzugte Lage, Pool, Sauna, viele außergewöhnliche Extras.“ Vermutlich ein Panikverkauf. Gerade hat Kanzler Gerhard Schröder das ganze Volk auf harte Zeiten vorbereitet, in denen jeder zu persönlichen Opfern bereit sein müsse. Auch die deutschen Arbeiter müssen jetzt auf ihre außergewöhnlichen Extras verzichten. Staeck hatte doch Recht.

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