Politik : Pantoffelhelden

Die Schuh-Attacke auf Bush löst weltweit unterschiedliche Reaktionen aus

C. von Marschall[Washington],M. Gehlen[Kairo]

Der Schuhwurf auf US-Präsident George W. Bush bei einer Pressekonferenz in Bagdad war wohl die Nachricht mit der größten weltweiten Verbreitung in der vergangenen Woche. Die Reaktionen waren aber unterschiedlich. Im Vergleich ergibt sich der Eindruck eines kulturellen Missverständnisses zwischen den Erdteilen. In der arabischen Welt wurde der Werfer als Held gefeiert und die politische Symbolik der Aktion betont. In Amerika hatten die Bilder vor allem Unterhaltungswert. Sie inspirierten die Kabarettisten und die Erfinder von Videospielen.

Wenn es für die USA Helden in der Geschichte gab, dann waren es ihr Präsident und ihre Soldaten. Selbst Bush-Kritiker hoben im Fernsehen hervor, wie reaktionsschnell er den beiden Geschossen ausgewichen war. Neben Videospielen, in denen man virtuelle Schuhe auf Bush schleudern kann, gibt es auch solche, die die eigene Geschicklichkeit beim Ausweichen testen. Unter den Zuschauerreaktionen im Fernsehen und in Leserbriefen an Zeitungen war häufig der Hinweis zu finden, der Werfer habe Glück, dass Amerika den Irak von der Diktatur befreit habe. Hätte er das mit Saddam versucht, wäre er zum Tode verurteilt worden.

Die arabische Einordnung wurde in den USA breit erklärt: Der Schuh gelte als schmutziger Gegenstand und der Ruf „Du Hund!“ als schwere Beleidigung. Doch Amerikaner rezipieren das wie ethnographische Kuriositäten. Hunde sind in ihrem Kulturkreis fast so beliebt wie eigene Kinder. Das mit „F...“ beginnende Allerweltswort mit vier Buchstaben wäre eine größere Beleidigung. Und Schuhe sind modische Ausdrucksformen der eigenen Persönlichkeit. So zeigen die unterschiedlichen Reaktionen die Selbstspiegelung in beiden Gesellschaften. Die Amerikaner sehen sich als humorvoll und tolerant. Ihre Medien berichten über den Zorn auf Bush in arabischen Ländern, für den der Schuhwurf steht. Direkt darauf folgt aber die als locker und „cool“ empfundene Reaktion ihres Präsidenten, der gegenüber Journalisten scherzte: „Wenn ihr die Fakten braucht: Es war Schuhgröße 10.“ Amerikaner hören auch täglich, dass Bush Iraks Justiz um Milde bat.

Araber feiern Muntazer al-Zaidi dagegen als Helden. Ein Ägypter bot ihm die Hand seiner 20-jährigen Tochter, ein saudischer Geschäftsmann zehn Millionen Dollar für die Schuhe, mit denen Muntazer al-Zaidi auf Bush gezielt hatte. Tausende gingen in arabischen Städten auf die Straße, feierten den irakischen Fernsehmann für seinen Wurf und forderten seine Freilassung. Libyens Wohlfahrtsorganisation, geleitet von Tochter Gaddafi, verlieh ihm eine Ehrenmedaille. Und auf dem Filmfestival in Dubai verkündete die amerikanisch-palästinensische Drehbuchautorin Annemarie Jacir, ihren Preis für das beste arabische Drehbuch symbolisch an den über Nacht berühmt gewordenen Iraker weiterzureichen.

Doch inzwischen mehren sich auch die kritischen Töne. Der Vorfall sei „eine Beleidigung für den Journalistenberuf“, kritisierte die angesehene arabische Zeitung „Asharq al-Awsat“. Journalisten seien keine Mudschahedins, sondern für die Beschaffung von Informationen zuständig. Auch der Shooting-Star selbst ist offenbar in seiner Zelle nachdenklich geworden, nicht zuletzt weil ihn der Untersuchungsrichter am Mittwoch über das mögliche Strafmaß von fünf bis 15 Jahren aufgeklärt hat. In einem handgeschriebenen Brief an Ministerpräsident Nuri al-Maliki entschuldigte er sich wortreich für seine „miese Aktion“. Der irakische Premier ließ seinen Sprecher hingegen kühl entgegnen, er denke nicht an Rache, aber jetzt sei Muntazer al-Zaidi erst einmal in den Händen der Justiz.

Zuvor hatten irakische Polizei und amerikanische Sicherheitsleute bereits seine beiden im Pressesaal gegen Bush eingesetzten schwarzen Herrenschuhe zerhackt, angeblich weil sie in den Sohlen Sprengstoff vermuteten. „Ich hätte es vorgezogen, die Schuhe als Beweisstück zu behalten. Da aber al-Zaidi alles gestanden hat und die Fernsehbilder seine Aktion belegen, wird das die Untersuchung nicht behindern“, erklärte der Richter.

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