Politik : Panzerfahrer und Beamter Physikerin und kein Parteibuch

„Landesverteidigung gehörte für mich dazu“, wehrt Steinbrück Fragen nach Dienstverweigerung ab. Er verpflichtete sich sogar, wird Leutnant bei der Panzertruppe. Ohne Schrammen übersteht er den Dienst allerdings nicht: Weil er ohne Führerschein einen „Leo 1“ fährt – wovon er bis heute schwärmt –, bekommt er ein Disziplinarverfahren. Ein Offizierskollege wirbt ihn für die SPD, Steinbrück begeistert sich für das Konzept des Bürgers in Uniform. Mit der Abfindung in der

Tasche studiert er in Kiel Volkswirtschaft, wird

geprägt von seinem akademischen Lehrer Reimut Jochimsen, der zwischen Kiel und Bonn pendelte, wo er im Kanzleramt die Abteilung 5 für politische Planung der Regierung Brandt leitete. Steinbrück verschlingt dessen Aufsätze, sie prägen sein Denken bis heute. „Das war seine Bibel“, erzählt ein Freund aus jenen Tagen. Jochimsen lotst ihn 1974 nach Bonn, wo er rasch auffällt. Er dient erst Karl Ravens im Verkehrsministerium und landet schließlich im Kanzleramt bei Helmut Schmidt; schreibt Papiere für den weiteren Ausbau der Kernenergie. Steinbrück darf den Kanzler begleiten, was sein ohnehin ausgeprägtes Selbstbewusstsein steigert. Weil man ihn fördern will, schickt man ihn 1981 in die Ständige Vertretung nach Ost-Berlin, „mit Diplomatenpass und Residenzpflicht im Osten“. Er ist erschrocken: „Das sah aus, als wenn der Krieg erst zwei Jahre vorbei gewesen wäre.“

Als Pfarrerstochter durfte Merkel nicht Lehrerin werden. Aber ein Physikstudium eröffnet der

Einser-Schülerin viele Möglichkeiten, die der real existierende Sozialismus bieten konnte. DDR-

typisch ist die frühe Ehe der gerade 24-Jährigen mit ihrem Kommilitonen Ulrich Merkel. Nach vier Jahren gehen die beiden auseinander. Und

Angela macht, was sie von da an noch oft

machen sollte – Karriere nämlich, zunächst als Forscherin in Adlershof im Chemie-Institut der Akademie der Wissenschaften, wo sie auch ihren jetzigen Mann Joachim Sauer kennenlernt.

War Angela Merkel politisch? Jein. Wie alle DDR- Bürger verfolgt sie im West-

Fernsehen die Welt um ihr

eingeschlossenes Land herum. Wie fast alle DDR-Bürger passt sie sich in Maßen dem System an – kein Parteibuch, dafür eine

Funktionärsposition in der Freien Deutschen Jugend (FDJ), offenbar als Sekretärin für „Agitation und Propaganda“. Das klingt in West- Ohren linientreuer, als es wohl

gewesen ist; bisher hat sich

jedenfalls niemand gefunden,

der sich über Agitation beschwert hätte. Die Stasi hält sich von ihr fern, seit sie dem ersten Anwerber erzählt hat, wie schwatzhaft sie sei – eine glatte Lüge übrigens. Wie alle

intelligenten DDR-Bürger findet sie den Aufbruch der „Solidarnosc“ in Polen spannend und Michail Gorbatschow gut. Zur DDR-Opposition hält sie lange Zeit Distanz. Erst als die Mauer fällt,

während sie in der Sauna ist, beginnt der Weg

der Angela Merkel in der Politik.

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