Politik : Papiere sollen Spitzeltätigkeit von Lech Walesa belegen

Knut Krohn[Warschau]

Wer ist Lech Walesa in Wirklichkeit? Das ist die Frage, die in diesen Tagen endgültig geklärt werden soll. Ist er der strahlende Held der Arbeiterbewegung in Polen? Oder ist er lediglich ein Verräter, ein opportunistischer Agent des Geheimdienstes im kommunistischen Polen der 70er Jahre? In großer Fleißarbeit haben die Gegner Walesas in den vergangenen Monaten und Jahren Material aus den Archiven des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes zusammengetragen, das die wahre Geschichte des ehemaligen Präsidenten ans Licht bringen soll. Nun sind die ersten Auszüge vom Institut für Nationales Gedächtnis veröffentlicht worden.

Die nun erneut erhobenen Vorwürfe sind seit langem bekannt. Walesa soll unter dem Decknamen „Bolek“ zwischen 1970 und 1976 als Spitzel des Geheimdienstes Informationen über Gewerkschaftskollegen weitergegeben haben. Dafür soll er rund 13 000 Zloty (rund 3700 Euro) erhalten haben. Bewiesen werden kann das aber auch durch die neuen Veröffentlichungen nicht. Grund dafür sei, dass Walesa während seiner Zeit als Präsident von 1990 bis 1995 Beweise habe vernichten lassen. Daher stützen sich die Vorwürfe gegenüber dem Friedennobelpreisträger lediglich auf Kopien von Unterlagen aus den 70er Jahren, die womöglich vom Geheimdienst über Walesa angefertigt worden sind. Es gibt also auch nach intensivster Suche noch immer keine Originaldokumente, keine Unterschrift von Walesa. Noch brüchiger wird das Konstrukt der Ankläger dadurch, dass unzählige gefälschte Akten führender Gewerkschaftsmitglieder im Umlauf sind. Damit wollten die Kommunisten während der Zeit des Kriegsrechts in den 80er Jahren die Geschlossenheit von Solidarnosc unterminieren.

Allerdings glaubt kaum ein Pole, dass Walesa wirklich mit einer weißen Weste aus jener Zeit hervorgegangen ist. Was die Fantasie nicht nur seiner Kritiker befeuert, ist die Aggressivität, mit der die Ikone der Gewerkschaftsbewegung seit Jahren auf die nicht enden wollenden Vorwürfe reagiert. Auch nach der jetzigen Veröffentlichung der Dokumente meldete sich Walesa zu Wort. Es seien Fälschungen, ereiferte sich der Friedensnobelpreisträger. Aber nun lägen die „angeblichen Beweise“ auf dem Tisch. „Jetzt müssen die Menschen entscheiden, ob sie dem Geheimdienst glauben oder mir.“

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