Papst bei Flüchtlingen auf Lesbos : "Wir sind alle Migranten"

Der Papst und die orthodoxen Kirchenführer besuchen Flüchtlinge auf Lesbos. Eine Lehrstunde in Demut und Menschlichkeit – und eine Anklage gegen Europa.

Markus Bernath
Franziskus, Bartholomaios und Hieronymus schüttelten Hunderte von Händen und küssten Babys.
Franziskus, Bartholomaios und Hieronymus schüttelten Hunderte von Händen und küssten Babys.Foto: dpa

Er wusste schon, was ihn erwartet. Traurig werde dieser Besuch, sagte Papst Franziskus kurz vor seiner Visite in Griechenland. "Wir werden die größte menschliche Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg zu Gesicht bekommen." Samstagmittag steht Franziskus dann im Flüchtlingslager auf Lesbos. Der Papst hinter Stacheldraht. "Freiheit" heißt es auf selbstgemalten Schildern, die Insassen hochhalten.
Als eine Frau vor ihm auf die Knie fällt und ihn schluchzend anfleht, sie mitzunehmen, ist Franziskus schockiert und Bartholomaios I, der Patriarch der orthodoxen Kirche, der den Papst begleitet, nicht weniger. "Ich gehe und gehe und gehe", stammelt die Frau mit den Dreadlocks und versucht wohl, von ihrer Flucht zu erzählen. Franziskus legt seine Hand auf ihren Kopf. Mehr kann er im Moment nicht tun. Auf Lesbos werden Menschen festgehalten, die darauf warten, in die Türkei gebracht zu werden. Es ist die Lösung, die Europa für die größte Flüchtlingskatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg gefunden hat. Europas "Bankrott der Humanität und der Solidarität" nennt es Hieronymus, der orthodoxe Erzbischof von Athen und Griechenland. Er ist der dritte im Bund der religiösen Führer, die am Samstag auf Lesbos sind.

Der Besuch auf Lesbos wird zur moralischen Bloßstellung


Schlimmer hätte es für die politischen Führer des christlichen Abendlands nicht kommen können. Der Besuch auf Lesbos wird zur moralischen Bloßstellung – weltweit übertragen. In Moria, außerhalb der Inselhauptstadt Mytilini, einem ehemaligen Camp der griechischen Armee, das jetzt als Internierungslager dient, spricht der Papst vor den Flüchtlingen und ruft die Figur des heiligen Samariter in Erinnerung. Es ist die erste seiner beiden kurzen anklagenden Reden gegen die Europäer. Der Samariter sei das Beispiel für das richtige Verhalten, sagt der Papst. Man müsse dieselbe Brüderlichkeit, Solidarität und Achtung vor der Würde des Menschen zeigen, so verlangt der Mann in Weiß. "Ihr seid nicht allein", ruft er den Lagerinsassen zu und: "Verliert nicht die Hoffnung!"
In Wahrheit kann sich die Mehrheit der mehr als 4000 Flüchtlinge auf Lesbos und der 3000 auf den anderen Inseln der Ostägäis keine Hoffnung machen. Die allermeisten werden nach einem schnellen Asylverfahren im Lager wieder in die Türkei abgeschoben; und kommen von dort in andere Lager oder zurück in ihre Herkunftsstaaten – nach Afghanistan, in den Kongo oder irgendwo nach Nordafrika. Ihr Fehler war es, nach dem 20. März in ein Schlauchboot der Schlepper an der türkischen Küste gestiegen zu sein. Wer nach dem Stichtag des EU-Türkei-Abkommens auf einer griechischen Insel landet, hat verspielt. Selbst syrische Kriegsflüchtlinge müssen sich hinten anstellen auf der Warteliste mit dem Tauschgeschäft: Für jeden Syrer, den die Türkei aus Griechenland zurücknimmt, darf sie einen anderen in die EU schicken. 72.000 wollen die Europäer aufnehmen, drei Millionen sind wohl in der Türkei.

Die Kirchenführer essen mit Flüchtlingen zu Mittag


Franziskus, Bartholomaios und Hieronymus schütteln im Lager Moria Hunderte von Händen, küssen Babys, lassen sich Kinderzeichnungen und Zettel zustecken, auf denen Botschaften gekritzelt sind. "Flüchtlinge sind keine Nummern, sie sind Menschen, die Gesichter haben, Namen, Geschichten, und sie müssen als solche behandelt werden", twitterte Franziskus kurz vor seinem Abflug nach Lesbos. Er wird dasselbe später an diesem Tag im Hafen von Mytilini in einer zweiten Rede sagen und dann hinzufügen: "Wir sind alle Migranten."
In Moria essen die Kirchenführer mit einer kleinen Gruppe von Flüchtlingen zu Mittag. Es soll ein Zeichen der Brüderlichkeit sein. In einer gemeinsamen Erklärung der katholischen und der orthodoxen Kirche rufen sie zu mehr Mut auf bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise. "Es macht uns Mühe, Euch in die Augen zu sehen", sagt Bartholomaios, der Patriarch von Istanbul, und klagt dann – ohne sie beim Namen zu nennen – Österreich, Ungarn und die Balkanstaaten an, "die Hartherzigkeit unser Mitbrüder und -schwester", die ihre Grenzen schlossen. "Diejenigen, die Angst vor Euch haben, haben nicht in Eure Augen gesehen", sagt Bartholomaios.
Moria, das größte der Internierungslager auf den griechischen Inseln, sei vor dem Besuch der religiösen Führer noch schnell herausgeputzt worden, so heißt es: ein paar Mauern weiß gestrichen, die Abwasserrohre gereinigt, damit es nicht zu stark nach Fäkalien stinkt; ein paar Hundert Flüchtlinge vorübergehend ausquartiert, denn Moria ist weit über seine Kapazität belegt. Internationale Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen haben wegen der Internierung der Asylsuchenden und wegen der üblen Bedingungen in den Lagern die Zusammenarbeit aufgekündigt. Das Flüchtlingshilfswerk der UN kooperiert aus dem selben Grund nur noch eingeschränkt mit der Lagerpolizei. Die Abschiebungen pausieren gerade, aber sie verfehlen nicht ihre abschreckende Wirkung. Nur 46 neue Flüchtlinge kamen in der Nacht vor dem Papstbesuch übers Meer nach Lesbos.

Drei syrische Familien nimmt der Papst in seinem Flugzeug mit nach Rom


Am Ende gibt es doch noch so eine Art Wunder. Drei Familien aus Syrien nimmt der Papst in seinem Flugzeug mit nach Rom. Sie waren kurz bevor das Abschiebe-Abkommen in Kraft trat auf der Insel angekommen. Beim Abflug aus Lesbos am Nachmittag sieht Franziskus die zwölf Flüchtlinge zum ersten Mal. Als er ihnen auf dem Rollfeld die Hand schüttelt, sieht er in glückselige Gesichter.

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