Papst Benedikt XVI. : Kondom und Lehre

Der Papst muss seine Sätze noch präzisieren.

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Normalerweise sind ja die weltlichen Medien schuld. Sie hassen die Kirche, sie schlagen auf sie ein, sie verdunkeln systematisch und kampagnenartig das Gute. So jedenfalls sehen es zahlreiche Amtsträger der katholischen Kirche, so sieht es vor allem der Vatikan. Diesmal aber ist die eigene Hauszeitung, der „Osservatore Romano“, dem Papst in die Quere gekommen. Und selten war eine Verärgerung im Vatikan derart massiv. Mit der voreiligen Zitierung der Kondom-Passagen aus dem noch gar nicht veröffentlichten Interviewbuch von Benedikt XVI. hat die eigene Zeitung dem Papst ausgerechnet am festlichen Wochenende der Kardinalsernennungen die Schau gestohlen.

Außerdem hängt nun die ganze Wahrnehmung des neuen Buches an einer einzigen Passage: an der übers Kondom. Man weiß von Benedikt XVI., dass ihn solche Engführungen ärgern. Seine ganze Reise nach Afrika 2009, so klagte er einmal, sei „publizistisch völlig verdrängt worden durch einen einzigen Satz“ – seine Äußerung im Flugzeug, allein die Verteilung von Kondomen könne das Aidsproblem in Afrika nicht lösen: „Im Gegenteil, sie vergrößern das Problem.“

Der „Osservatore Romano“ hat nun seine ganz anders klingenden Äußerungen ohne Vorwarnung veröffentlicht. Selbst Presseleute im Vatikan wussten nichts davon. Und so fragen sich bis heute alle, ob denn der Papst nun eine Revolution begonnen oder die bestehende Lehre nur etwas aufgeweicht habe. Dass der „Osservatore“ das Zitat aus dem Zusammenhang gerissen hat, macht die Sache nicht einfacher; alle anderen Journalisten waren nämlich bis Dienstagvormittag an die Sperrfrist gebunden und dürfen eigentlich zur Aufklärung nichts beitragen.

Gesagt hat Benedikt, dass „eine Fixierung auf das Kondom eine Banalisierung der Sexualität“ bedeutet. Eingeräumt hat er, dass „zum Beispiel ein Prostituierter“ Kondome verwenden darf, um eine Ansteckung anderer zu verhindern. Allerdings verbietet die katholische Morallehre das Kondom lediglich als ein Mittel der „künstlichen“ Empfängnisverhütung im Rahmen der Ehe. Im Rahmen der Prostitution hingegen, der gleichgeschlechtlichen ohnehin, dient das Präservativ nicht der Verhinderung von neuem Leben, sondern eher der Erhaltung des bestehenden – als Hilfsmittel zur Eindämmung schwerer oder gar tödlicher Krankheiten. Die Prostitution ist nach katholischer Lehre eine schwere Sünde. Aber sie auszurotten, hat noch keiner geschafft. Was der Papst also nun „in begründeten Einzelfällen“ zugestehen will, ist im Grunde eine moralische Selbstverständlichkeit. Für die Empfängnisverhütung gilt das nicht. Aber immerhin: In die offizielle Morallehre der katholischen Kirche ist jetzt der Gedanke eingedrungen, dass eine Unterscheidung zwischen Kondom und Kondom angebracht sein könnte. Aber ein Interviewbuch und werbewirksame Schlagzeilen sind noch keine Lehräußerung.

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