Papst-Besuch : Fromme Wünsche am Tempelberg

So heilig wie heikel – in Jerusalem erreicht Papst Benedikt XVI. an seinem zweiten Besuchstag in Israel schließlich das Zentrum des Nahostkonflikts. An den heiligen Stätten der drei großen Religionen ruft er zu Dialog und Versöhnung auf.

Martin Gehlen[Jerusalem]
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Am Felsendom traf Papst Benedikt XVI. mit muslimischen Würdenträgern zusammen. -Foto: dpa

So heilig wie heikel – in Jerusalem erreichte Papst Benedikt XVI. an seinem zweiten Besuchstag in Israel schließlich das Zentrum des Nahostkonflikts. Der Morgen begann bei strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel auf dem Tempelberg, wo im Jahr 2000 kurz nach dem Besuch von Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. die Zweite Intifada ausbrach. In Begleitung des Großmuftis von Jerusalem, Scheich Mohammed Hussein, betrat der Papst den Felsendom – diesmal in Strümpfen. Seine roten Schuhe streifte der Pontifex vor der Tür ab, nachdem sein Besuch mit Schuhwerk in der Hussein- Bin-Talal-Moschee in Amman zumindest unter den Journalisten einen Sturm im Wasserglas ausgelöst hatte. Nach der Überlieferung steht der Felsendom an der Stelle, wo Abraham einst seinen Sohn Isaak opfern wollte. Später befand sich hier das Allerheiligste des jüdischen Tempels. Für fromme Muslime steht der weltberühmte Quaderbau an dem Ort, wo der Prophet Mohammed in den Himmel aufstieg. Nach Mekka und Medina ist er für sie der drittheiligste Ort. Und seine goldene Kuppel gehört zu den Wahrzeichen Jerusalems.

„Hier ist der Weg, wo sich die drei großen monotheistischen Weltreligionen treffen und der uns daran erinnert, was wir gemeinsam haben“, sagte der Papst bei seiner Ansprache, die auf israelischen Druck praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Die Altstadt war zu weiten Teilen abgesperrt und menschenleer. Scharfschützen saßen auf Minaretten, am Himmel knatterte ein Hubschrauber, während Benedikt das weltberühmte muslimische Gotteshaus eine Herausforderung für Männer und Frauen guten Willens nannte, „die Missverständnisse und Konflikte der Vergangenheit zu überwinden und sich auf den Weg hin zu einem ernsthaften Dialog zu machen“.

Doch das wünschte sich Großmufti Mohammed Hussein etwas konkreter. Er bat in seiner Antwort den Papst um Hilfe gegen die „ständige israelische Aggression gegen unser Volk, unser Land und unsere heiligen Orte in Jerusalem, in Gaza und der Westbank“. Eine ganze Liste von palästinensischen Bedrängnissen trug er vor, angefangen von der Diskriminierung der Einwohner Ost-Jerusalems über Siedlungsbau und archäologische Projekte, die die islamischen heiligen Stätten gefährdeten. „Unser palästinensisches Volk entbehrt durch die israelische Besatzung seine Grundrechte und jede Form von Sicherheit und Schutz“, sagte der Geistliche. Als allerdings palästinensische Bewohner der Altstadt von einigen Dächern aus Luftballons in den Farben des Vatikans und der palästinensischen Nationalflagge aufsteigen ließen, war das katholische Oberhaupt gerade im Inneren des blau gekachelten Gebäudes.

Schon am Abend zuvor hatte ein anderer hochrangiger islamischer Kleriker, der Chef des Richterverbands der Palästinensischen Autonomiebehörden, Scheich Taisir Al Tamimi, eine Veranstaltung im päpstlichen Institut „Notre Dame“ genutzt, um Israels Politik scharf anzugreifen. Der Papst verließ daraufhin vorzeitig das Forum, sein Sprecher Federico Lombardi schimpfte, solche Auftritte seien „das direkte Gegenteil von dem, was Dialog sein sollte“.

Am Dienstag drängte daher Benedikt XVI. beide Seiten erneut, „aufzubrechen auf den Weg des aufrichtigen Dialogs mit dem Ziel, eine Welt der Gerechtigkeit und des Friedens für künftige Generationen aufzubauen“. Notwendig sei ein ernsthafter Dialog, der zum Aufbau einer Welt von Gerechtigkeit und Frieden für die kommenden Generationen führe. An der Klagemauer unterhalb des Tempelberges verharrte der Papst dann längere Zeit schweigend und mit gefalteten Händen, nachdem er seinen handgroß gefalteten Gebetszettel mit schneller Geste in eine senkrechte Ritze zwischen zwei mächtige Quadersteine gesteckt hatte. Sie gehören zu den Resten der Westmauer des zweiten jüdischen Tempels, der vor knapp 2000 Jahren von den Römern zerstört wurde. In seinem Text bittet das Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken um Frieden für Jerusalem als „geistliche Heimat für Juden, Christen und Muslime“. Und weiter heißt es in der Fürsprache Benedikts: „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, erhöre den Schrei der Gequälten, der Geängstigten, der Beraubten. Sende deinen Frieden über dieses Heilige Land, über den Nahen Osten, über die ganze Menschheitsfamilie.“

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