Politik : Papst bittet in Auschwitz um Vergebung

Benedikt XVI. besucht ehemaliges KZ in Polen „Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes“

Thomas Roser[Warschau]

Mit der „lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung“ hat Papst Benedikt XVI. am Sonntag im früheren NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau seine viertägige Pilgerreise nach Polen beendet. Gerade als „Sohn des deutschen Volkes“ habe er nach Auschwitz kommen müssen, sagte der 79-Jährige, der die NS-Zeit als Hitlerjunge und Flakhelfer erlebt hatte. „Ich stehe hier als Sohn des deutschen Volkes, und gerade deshalb muss ich, darf ich wie er sagen: Ich konnte unmöglich nicht hierher kommen“, sagte er auf Italienisch unter Hinweis auf seinen Vorgänger Papst Johannes Paul II. „An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschüttertes Schweigen stehen. Es war und es ist eine Pflicht der Wahrheit, dem Recht derer gegenüber, die gelitten haben, eine Pflicht vor Gott, als Nachfolger von Johannes Paul II. und als Kind des deutschen Volkes hier zu stehen.“ Eines Volkes, das zum „Instrument des Zerstörens gebraucht und missbraucht“ worden sei.

Für einen Papst, der aus Deutschland komme, sei es in Auschwitz „besonders schwer und erdrückend“ zu sprechen, gestand Benedikt XVI. ein. Doch das Vergangene sei „nie bloß vergangen“: „Es zeigt uns, welche Wege wir nicht gehen dürfen und welche wir suchen müssen.“ Bei dem Treffen mit Überlebenden des Todeslagers forderte er zu der Einsicht auf, „dass Gewalt keinen Frieden stiftet, sondern nur wieder Gewalt hervorruft – eine Spirale der Zerstörungen, in der alle am Ende nur Verlierer sein können.“ Unter den Klängel einer Glocke schritt Benedikt XVI. durch das Vernichtungslager, in dem unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mehr als 1,1 Millionen Männer, Frauen und Kinder grausam getötet worden waren. Allein und mit gefalteten Händen trat der Papst durch das Lagertor mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“. Vor der Todesmauer im Todesblock, an der tausende Häftlinge erschossen wurden, zündete er sichtlich bewegt eine Kerze an. Ein kurzes Gebet sprach er in seiner Muttersprache, die er aus Rücksicht auf seine Gastgeber die ganze Reise über nicht offiziell benutzt hatte.

Überschattet wurde der Friedensappell des Papstes von der Meldung eines vermutlich antisemitisch motivierten Überfalls auf Polens Oberrabbi Michael Schudrich: Am Sabbat war der Geistliche von einem Unbekannten in der Warschauer Innenstadt attackiert und leicht verletzt worden.

Die letzte Großmesse seiner Polen-Reise hatte der Papst am Sonntagvormittag vor 900 000 Gläubigen auf den Krakauer Blonie-Wiesen gefeiert, wo schon Johannes Paul II. bei seinen insgesamt neun Pilgerfahrten in die Heimat mehrere Gottesdienste zelebriert hatte. Unter dem begeisterten Jubel der Gläubigen, die immer wieder „Wir danken dir“ skandierten, erinnerte Benedikt an den langjährigen Bischof von Krakau: „Krakau, die Stadt Karol Wojtylas und Johannes Paul II., ist auch mein Krakau.“

Die erste echte Auslandsreise des Papstes, der zu den Gläubigen meist auf Italienisch, aber auch auf Polnisch sprach, stand ganz im Zeichen des Gedenkens an seinen Vorgänger Johannes Paul II.

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